Ausführungen von Christopher Ahrens anlässlich der Hauptversammlung der KWS SAAT AG am 22. Januar 2003
Das Segment Zuckerrübensaatgut verzeichnete im vergangenen Geschäftsjahr eine Reihe von außergewöhnlichen Ereignissen, die sowohl das Umsatzgeschehen wie auch das Ergebnis beeinflussten. So kam es in Deutschland durch heftige Spätfröste zu Nachsaaten, die immerhin einen Umfang von über 15.000 U umfassten. Auch in den USA mussten die Landwirte ihre Rübenfelder zum Teil neu bestellen, nachdem sie durch hohe Niederschläge und niedrige Temperaturen Ausfälle hatten. In dieser Situation waren die KWS bzw. BETASEED in der Lage, mit qualitativ hochwertigen Beständen und einer effizienten Logistik auch einer solch plötzlich auftretenden Nachfrage der Landwirte nachzukommen. Zu den außergewöhnlichen Ereignissen zähle ich auch eine Flächenausdehnung um etwa 5 % in Europa, die auf eine relativ schwache Ernte im Vegetationsjahr 2001 zurückzuführen ist; außergewöhnlich ist dies deshalb, weil der Trend nach wie vor aus wirtschaftlichen und agrarpolitischen Gründen in Richtung Flächenreduzierung geht.
Aber auch das normale Geschäft mit Zuckerrübensaatgut verlief erfolgreich. Der konsolidierte Umsatz der Sparte stieg zum ersten Mal in der Geschichte des Unternehmens auf über 200 Mio. €, genau auf 204 nach 194 Mio. € im Vorjahr. Das Ergebnis stieg aufgrund der bereits erwähnten Sonderfaktoren und durch außerordentlich Erträge z. B. durch den Eingang von wertberichtigten Altforderungen aus Osteuropa überproportional an.
Unser umsatzstärkster Markt war wiederum Deutschland Hier konnte der Marktanteil auf hohem Niveau noch einmal ausgedehnt werden, mit gut 55 % war sozusagen jede 1,8. Rübe auf Deutschlands Äckern eine KWS Sorte. Der Gesamtumsatz wurde wie eingangs erwähnt durch die besonderen Umstände der Nachsaaten in besonderem Maße erhöht. Die Sortenpalette der KWS in Deutschland ist durch eine hohe Anzahl erfolgreicher Zulassungen besonders breit und umfasst die Standardsorten mit E- bis ZZ-Typen, das gesamte Spektrum der Rizomania-Sorten und in wachsendem Maße auch Spezialsorten mit Doppel- und sogar Dreifachtoleranzen. Einen besonderen Meilenstein, so meine ich, setzt eine Sorte mit kombinierter Resistenz gegen die Rizomania-Viruskrankheit und gegen Nematoden.
An dieser Stelle möchte ich einmal die Arbeit unseres Agroservice- und Beratungsteams einmal besonders hervorheben. Je komplexer die Sortenpalette wird, und je spezifischer wir auf die Anforderungen aus der Landwirtschaft und aus der Zuckerindustrie reagieren können, desto wichtiger wird eine gute und fundierte Beratung. Aus eigenen praxisnahen Versuchen in Verbindung mit den Leistungsversuchen der Arbeitsgemeinschaft der Rübenanbauerverbände und den Versuchen des Institutes für Zuckerrübenforschung IfZ werden die relevanten Informationen herausgearbeitet und an die Praxis weitergegeben. Wir sind davon überzeugt, dass ein Gutteil unseres Erfolges auf der Kompetenz dieses Teams begründet ist.
In England und Belgien wurde die sehr starke Marktstellung der KWS gehalten bzw. sogar noch etwas ausgedehnt. In England z.B. entsprechen unsere Sorten den Anforderungen der British Sugar so gut, dass ein Marktanteil von über zwei Dritteln erreicht werden konnte. In Märkten mit höchsten Anforderungen wie Österreich und Schweiz, oder in Märkten mit besonders schwierigen Anbaubedingungen wie Italien konnten deutliche Marktanteile hinzugewonnen werden.
In Frankreich hingegen mussten wir Punkte an den Wettbewerb abgeben, der mit sehr guten Sortenleistungen aufwarten konnte. Jedoch ist schon heute in den Zulassungsprüfungen abzusehen, dass die KWS sehr bald wieder Spitzenleistungen in allen Sortengruppen vorweisen wird. Daher erwartet unsere Mannschaft der KWS France, in zwei bis drei Jahren die jetzt abgegebenen Marktanteile wieder zurück zu gewinnen.
In den mitteleuropäischen Nachbarländern der Europäischen Union, deren Mitglieder sie in 2004 werden, haben die Zuckerrübensorten der KWS nach wie vor einen exzellenten Ruf. Das gilt für die traditionell besonders KWS freundlichen Länder wie Ungarn, Kroatien, Jugoslawien oder auch die baltischen Länder, aber zunehmend auch für Länder wie Polen oder Tschechien und Slowakei, in denen noch immer eine selbstbewusste nationale Züchtung vorhanden ist. In Polen haben wir seit der politischen Wende zielbewusst unsere Präsenz aufgebaut, die KWS Polska mit einer sehr kompetenten Vertriebs- und Beratungsmannschaft genießt eine hohe Wertschätzung bei unseren Kunden. Neben den KWS eigenen Aktivitäten in der KWS Polska pflegen wir aber auch weiterhin eine gute Kooperation mit polnischen Züchtungspartnern.
Weitere wichtige Märkte außerhalb der Europäischen Union sind die Türkei, Chile, die USA und Japan. In der Türkei und in Chile haben die Beteiligungs- bzw. Tochtergesellschaften Pan Tohum und KWS Chile die guten Erfolge der letzten Jahre fortgesetzt und die hohen Marktanteile verteidigt. Vom Marktvolumen her sind die USA neben Deutschland und Frankreich der drittwichtigste Markt. Dort ist in den letzten beiden Jahren die Zuckerindustrie zu großen Teilen völlig restrukturiert worden und in den genossenschaftlichen Besitz der Rüben-Anbauerverbände übergegangen. Trotz oder vielleicht gerade wegen dieser Umstrukturierung war die Tochtergesellschaft BETASEED besonders erfolgreich und erreichte insgesamt einen Marktanteil von deutlich über 50 %. Zuletzt sei noch zu erwähnen der ganz besondere Markt Japan. Aufgrund der dortigen schwierigen Anbaubmethoden für Zuckerrüben bedingt durch die harschen Klimabedingungen im Gebiet von Hokkaido stellen die japanischen Zuckerindustrien höchste Anforderungen an die äußere und die innere Qualität des Zuckerrübensaatgutes. Die jahrzehntelange Kooperation mit der Zuckergesellschaft Nitten hat zu einer hervorragenden Vertrauensbasis und damit zu hohen Marktanteilen von über 40 % geführt.
Werfen wir nun noch einen Blick auf die interessanten Zukunftsmärkte in der Russischen Föderation, der Ukraine und China. Das Reformprogramm des russischen Präsidenten Putin beginnt auch in der Landwirtschaft und Ernährungsindustrie zu wirken. Durch neue und bereits von der Duma und dem Föderationsrat verabschiedete Gesetze werden Privatbesitz und Privatpacht von Grund und Boden möglich. Dadurch steigt die Kreditwürdigkeit der landwirtschaftlichen Betriebe erheblich an, und wir beobachten, dass zunehmend Investitionsgelder in die Landwirtschaft und Nahrungsmittelindustrie fließen. Eine bunte Palette von Betriebsformen ist in den letzten zwei Jahren entstanden, vom kleinen Subsistenzbetrieb bis hin zur gigantischen Agrarholding von mehreren zigtausend Hektar. In dieser Umgebung baute unsere Tochtergesellschaft GERSEM ihre Marktposition mit einem hoch motivierten lokalen Team von inzwischen fast einem Dutzend Agraringenieuren zielstrebig aus.
Eine so erfreuliche Darstellung kann ich Ihnen für die Ukraine, der früheren Kornkammer Europas, nicht geben. Reformen kommen nicht voran, die wirtschaftlichen Bedingungen auch für die Landwirtschaft machen kaum Fortschritte. Solange sich dies nicht grundsätzlich ändert, lautet die Devise für unsere Tochtergesellschaft KWS Ukraine und die Beteiligungsgesellschaft Unisem in Vinnitsa: die inzwischen erreichte Position zu halten und zusätzliche Umsätze nur dann zu tätigen, wenn das Forderungsrisiko kalkulierbar ist. Übrigens hat das bei der KWS installierte Forderungsmanagement in den letzten Jahren recht gute Arbeit geleitet. Größere Forderungsausfälle waren nicht zu verzeichnen, und manchmal gelingt es unseren Leuten vor Ort, bereits wertberichtigte oder gar ausgebuchte Forderungen dann doch noch zum Teil nach Jahren einzutreiben, was unserem Ergebnis direkt zugute kommt.
Noch ein kurzes Wort zu China: Hier erschweren hohe Importzölle auf Saatgut nach wie vor unsere Arbeit. Unsere Zuckerrübensorten müssen mit starkem Druck von Pflanzenkrankheiten fertig werden, die hier in Europa wenig verbreitet sind. Daher werden gemeinschaftliche Züchtungsprogramme mit chinesischen Instituten weiter intensiviert. Daneben gilt unser Augenmerk dem Aufbau einer lokalen Lizenzproduktion von Zuckerrüben- und Sonnenblumensaatgut, das den Anwendern eine hohe äußere Qualität, also hohe Keimkraft garantiert. Insgesamt gehen wir nach wie vor davon aus, dass die Wirtschaftsreformen die makro- und mikroökonomischen Bedingungen in der VR China und damit auch die Lage für die Landwirtschaft und Saatgutindustrie verbessern werden.
Verehrte Aktionäre, zusammenfassend kann für das Berichtsjahr 2001/02 gesagt werden, dass die KWS nach wie vor Weltmarktführer in Zuckerrübensaatgut ist. Wir sehen aber, dass der Wettbewerb mit hoher Intensität daran arbeitet, den Abstand zu verringern. Wir dürfen also nicht nachlassen, in unserer Züchtung mit hohem Aufwand die Leistungen zu verbessern und unsere Sortenpalette auszuweiten. Dabei sind wir uns bewusst, dass die immer höhere Leistungsfähigkeit der Sorten, ausgedrückt in Zuckerproduktion pro Hektar, letztlich zu einer kontinuierlichen Reduzierung der Anbauflächen führen wird, zumindest in den Ländern, in denen mit einem System fester Quoten und Preise gearbeitet wird.
Die Entwicklung des laufenden Geschäftsjahres schätzen wir sehr verhalten ein. Wir erwarten in der EU eine deutliche Rücknahme der Zuckerrüben-Anbauflächen, in Frankreich möglicherweise bis zu 10 %, da eine unerwartet hohe Deklassierung, letztlich also Kappung der Zuckerquoten verfügt wurde. Hinzu kommt, dass die Sonderfaktoren, die der Sparte im abgelaufenen Geschäftsjahr zu einem außerordentlichen Umsatz- und Gewinnwachstum verholfen haben, sich nicht wiederholen werden. So kommt nun alles darauf an, die hohen Marktanteile in den klassischen Rübenanbauländern zu halten und die Wachstumschancen in Osteuropa zielstrebig aber risikobewusst zu nutzen. 2003 wird für uns ein spannendes Jahr werden.
20.01.03