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Rizomania

Verbreitung der Rizomania in Europa
Verbreitung der Rizomania in Europa

Rizomania – auch „viröse Wurzelbärtigkeit“ genannt – ist eine Viruserkrankung, die den Blattapparat, besonders aber den Rübenkörper sowie das Wurzelsystem der Zuckerrübe schädigt.

Übertragen wird Rizomania von dem bodenbürtigen Pilz Polymyxa betae. Seit dem ersten Auftreten der Rizomania in Italien hat sich die Krankheit rasant verbreitet und kommt heute in fast allen wichtigen Anbaugebieten Europas vor.

Biologie

Aspekte zur Krankheitsentwicklung

Bei der Rizomania handelt es sich um eine Viruserkrankung, die durch den Bodenpilz Polymyxa betae übertragen wird. Optimale Bedingungen für die Entwicklung des Pilzes sind Bodentemperaturen von etwa 15 bis 25°C, ein pH-Wert im neutralen bis schwach alkalischen Bereich und eine ausreichende Bodenfeuchte. Aus den virusbeladenen Überdauerungsorganen entwickeln sich dann so genannte Schwärmsporen (Zoosporen), die ebenfalls das Virus enthalten und mit Hilfe der beiden Geißeln aktiv auf die Wurzelhaare zuschwimmen können. Beim Eindringen des Pilzes in die Pflanzenzelle wird das Virus (Abb. 14) mit übertragen. Nach Infektion der Wirtspflanzen, zu denen neben der Zuckerrübe auch weitere Beta- und Chenopodium-Arten gehören (z. B. Futterrüben, Mangold, Rote Bete, Spinat), entwickeln sich im Pflanzengewebe entweder vielkernige Plasmodien des Pilzes, die ihrerseits Zoosporen entlassen und zu Neuinfektionen führen können, oder es werden die Dauerorgane (Zystosori) gebildet, mit denen der Pilz bis zu 20 Jahre überdauern kann und infektiös bleibt.

Elektronenmikroskopische Aufnahme des BNYVV-Virus – Erreger der Rizomania
Elektronenmikroskopische Aufnahme des BNYVV-Virus – Erreger der Rizomania

Überdauerungsorgane des Bodenpilzes Polymyxa betae – Überträger der Rizomania – im Gewebe einer Zuckerrübenwurzel
Überdauerungsorgane des Bodenpilzes Polymyxa betae – Überträger der Rizomania – im Gewebe einer Zuckerrübenwurzel

Aspekte zur Epidemiologie

Rizomania wird über Bodenpartikel verbreitet, die den Pilz Polymyxa betae oder seine Dauersporen tragen. Rizomania kann im Nahbereich über anhaftendes Material an Bodenbearbeitungs-, Drill- und Spritzgeräten, Beregnungsanlagen, Erntemaschinen und Transportfahrzeugen verschleppt werden. Feinste Bodenpartikel können jedoch auch über unkontrollierbare Verbreitungswege wie Wasser (Dränagewasser, Abwasserverregnung) und Wind, sogar über Schuhe, Wild und Vögel verschleppt werden. Im Fernbereich kommen für die Übertragungen in erster Linie mit Boden behaftete Fahrzeuge, aber auch Produkte mit minimalem Erdanhang (z. B. Pflanzkartoffeln) in Frage. Auch die Winderosion kann die Verbreitung der Rizomania fördern.

Ist erst ein Befallsnest in einem Schlag vorhanden, so breitet sich die Krankheit innerhalb weniger Jahre über die gesamte Fläche aus. Die rasante Ausbreitung der Rizomania in den vergangenen Jahren hat gezeigt, dass passive Maßnahmen der Eindämmung ebenso wenig erfolgreich waren wie direkte Bekämpfungsmaßnahmen.

Die Ausbreitung der Rizomania in Deutschland von Süd nach Nord, aber auch innerhalb der Rübenanbaugebiete nahm dabei in den letzten Jahren immer stärker zu.


Rizomania erkennen

Rizomania kann während der Vegetationsperiode anhand unterschiedlicher Symptome an Einzelpflanzen und im Bestand festgestellt werden. Aber auch nach der Ernte kann anhand der Qualitätsanalysen der Einzellieferungen auf einen Befall geschlossen werden. Liegt ein Verdacht vor, sollte ein eindeutiger Nachweis durch eine Laboranalyse erfolgen.

Symptome am Blatt

Das primäre Schadbild, das dem Erreger der Krankheit den Namen „Aderngelbfleckigkeitsvirus“ (engl.: beet necrotic yellow vein virus BNYVV) gab, – auffällig gelbe Chlorosen entlang der Blattadern – ist nur selten und nur an Einzelpflanzen zu beobachten und eine Folge der systemischen Infektion durch das Virus.

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 Aderngelbfleckigkeit durch Rizomania-Befall

Im Verlauf der Vegetationsperiode treten im Bestand unter hohem Befallsdruck zahlreiche Blatt- und Wurzelsymptome auf, die auf Störungen in der Nährstoffversorgung (Stickstoff, Bor, Mangan) sowie im Wasserhaushalt schließen lassen. Typische Symptome im Blattbereich der Zuckerrübe sind nesterweise Aufhellungen im Bestand.

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Nesterweise Aufhellungen im Bestand durch Rizomania-Befall

Bei trockener Witterung können gelegentlich Welkeerscheinungen der Pflanzen trotz ausreichender Bodenfeuchtigkeit im Bestand beobachtet werden, ähnlich wie bei Nematodenbefall.

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Welkesymptome im Bestand

Einzelpflanzen mit Blattaufhellungen, langen Blattstielen und unnatürlich schmalen Blattspreiten geben ebenfalls Hinweise auf Befall mit Rizomania.

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Durch Rizomaniabefall veränderter Blattapparat an Einzelpflanzen

Symptome am Rübenkörper

Zu den Hauptsymptomen am Rübenkörper zählt die so genannte „Wurzelbärtigkeit“, die der Krankheit den Namen gab. Die Ausbildung eines Wurzelbartes erfolgt aufgrund von fortlaufender Zerstörung und Neuausbildung der Seitenwurzeln. Auch rechtwinklig vom Rübenkörper abstehende Seitenwurzeln und starke Beinigkeit können durch Rizomania verursacht werden. Weitere typische Symptome im Wurzelbereich sind Kümmerwuchs der Pflanzen, vor allem bei Frühbefall, sowie eine oft runde, kugelige Form des Rübenkörpers.

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Wurzelbart und Einschnürung des Rübenkörpers durch Rizomania

Nach Anschneiden des unteren Teils der Pfahlwurzel können Verbräunungen der Gefäßbündelringe zu beobachten sein. Gelegentlich sind diese mit Fäulniserscheinungen verbunden, die durch Sekundärerreger hervorgerufen werden. Dieses Symptom kann auch durch Bor- oder Calciummangel hervorgerufen werden. Bei ausreichender Nährstoffversorgung kann mit relativ hoher Sicherheit auf Rizomaniabefall geschlossen werden. Dieses Symptom ist jedoch meist erst bei relativ starkem Befall zu beobachten.

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Wurzelanschnitt, Verbräunung der Gefäßbündelringe

Symptome eines Rizomania-Befalls können ab dem Reihenschluss bis zur Ernte auftreten. Nur im Extremfall sterben frühzeitig infizierte Pflanzen bereits im Jugendstadium ab. Bei mittlerem bis starkem Befall sind die Symptome oft ab August relativ deutlich zu erkennen, bei leichtem Befall bleiben sie meist unspezifisch.

Von einem begründeten Verdacht auf Rizomania kann ausgegangen werden, wenn mehrere der typischen Krankheitsbilder zu beobachten sind oder andere Ursachen ausgeschlossen werden können. Ist ein Rizomania-Verdacht vorhanden, sollte ein eindeutiger Nachweis durch eine Laboranalyse erfolgen. Bei Flächen, die auch mit Nematoden befallen sind, sollte eine Laboranalyse verdächtiger Pflanzen durchgeführt werden, da Nematoden und Rizomania ähnliche Symptome hervorrufen können.


Handeln

Eine Bekämpfung der Rizomania ist weder direkt durch Pflanzenschutzmittel noch indirekt durch Maßnahmen der Bodenbearbeitung, der Fruchtfolge oder durch Zwischenfrüchte möglich. Eine Eindämmung der Rizomania auf den derzeit befallenen Flächen erscheint sehr aufwändig und wenig aussichtsreich.

Wie bereits beschrieben, kann die Verbreitung der Rizomania schon durch geringste Mengen infizierten Bodenmaterials erfolgen. Eine Übertragung kann also durch Maschinen und Geräte erfolgen, aber auch über den Kontakt von Erde an Schuhsohlen beim Wechseln von einem Feld zum nächsten. Weitere Verbreitungsmöglichkeiten stellen Beregnungs- und Oberflächenwasser dar.

Eine konsequente Eindämmung der Krankheit würde bedeuten, diese kontrollierbaren Übertragungswege mit entsprechend hohem Aufwand zu unterbinden. Erfahrungen aus Großbritannien zeigen, dass sich trotz striktester Quarantänemaßnahmen die Rizomania immer weiter ausbreitet.

Darüber hinaus spielt die unkontrollierbare Verbreitung von Rizomania, z. B. über die Windverfrachtung von Bodenpartikeln, eine große Rolle. Aufgrund der genannten Punkte scheint es deshalb sehr schwierig, die Ausbreitung der Krankheit aufzuhalten.

Die Sortenwahl ist die derzeit einzige wirkungsvolle Maßnahme, um auf einen Rizomaniabefall zu reagieren.

Die KWS bietet leistungsstarke Sorten an, die sowohl unter Befall als auch unter Nicht- Befall sehr ertragsreich sind. Ist eine Fläche mit Rizomania befallen, können unabhängig von der Befallsstärke mit Rizomania-toleranten Sorten Ertrags- und Qualitätsverluste vermieden werden.


Rizomania-tolerante Sorten
 
Züchtungsfortschritt bei toleranten Sorten

In der Züchtung Rizomania-toleranter Sorten wurden in den vergangenen Jahren große Fortschritte erzielt. Seit 1983, der Zulassung der ersten toleranten Sorte, konnten Ertragssteigerungen von über 30 % erreicht werden. Gleichzeitig wurde die Qualität der Sorten deutlich verbessert. Während anfänglich nur mit einer italienischen Resistenzquelle gearbeitet wurde, wurden später weitere Resistenzquellen eingekreuzt. Durch die Verwendung unterschiedlicher Resistenzquellen kann der Gefahr eines Resistenzbruches wirksam vorgebeugt werden. Die Kombination von 2 Resistenzquellen in einer Sorte verleiht zusätzlichen Schutz, besonders bei Schwerstbefall.

Leistungsstabilität mit und ohne Befall ist eine weitere wichtige Eigenschaft rizomaniatoleranter Sorten. Unabhängig von der Befallsstärke, also unter Nichtbefall wie unter stärkstem Befall, sollen tolerante Sorten höchste Leistung bringen. Diese Eigenschaft ist von Bedeutung, da bei nesterweisem Auftreten der Rizomania selbst innerhalb eines Schlages vom Nichtbefall bis zum Starkbefall alle Befallsstärken auftreten können. Während die Sorten der ersten Züchtungsgenerationen ihr Leistungspotenzial nur bei Befall unter Beweis stellen konnten, liegt mittlerweile das Leistungspotenzial Rizomania-toleranter Sorten auch bei befallsfreien Flächen auf dem Niveau der nicht-toleranten Sorten.

Leistungsstabilität toleranter Sorten mit und ohne Rizomania-Befall
Leistungsstabilität toleranter Sorten mit und ohne Rizomania-Befall

Die Erfahrungen aus den am längsten mit Rizomania befallenen Anbauregionen Süddeutschlands zeigen den Erfolg dieser Züchtungs- und Sortenstrategie. Höchste Erträge und Qualitäten werden hier von Rizomania-toleranten Sorten erbracht.

Aufgrund des überlegenen Ertragspotentials und der hohen Leistungsstabilität bei unterschiedlichem Befallsdruck, ist die Rizomania-Toleranz heute ein Grundeigenschaft aller in Deutschland neu zugelassenen KWS Sorten.

Zur Sortenübersicht.

 

 
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