Deutschland Produkte Zuckerrübe 13.12.2011: Zuckerrüben fit machen für den Klimawandel

13.12.2011: Zuckerrüben fit machen für den Klimawandel

120 Gäste bei traditioneller Winterfachtagung Zuckerrübe der KWS SAAT AG - Wetterexperte Dr. Gunther Tiersch: Klimawandel längst im Gange - mittelfristig jedoch sogar klimabedingte Ertragssteigerungen möglich


Es waren keine gute Aussichten, die ZDF-Wetterexperte Dr. Gunther Tiersch den 120 Gästen aus Zuckerwirtschaft, Rübenanbauerverbänden und Beratung aus ganz Deutschland auf der Winterfachtagung der KWS SAAT AG vorhersagte. Unabhängig davon, ob wir den Kohlendioxidausstoß von heute auf morgen beenden oder nicht: Es wird ungemütlich werden in vielen Regionen der Erde - auch bei uns in Mitteleuropa. Seine Botschaft: Der Klimawandel ist längst im Gange. Und die derzeitigen Bemühungen - siehe den Klimagipfel in Durban - reichen längst nicht aus, die weltweiten Auswirkungen dieser Klimaveränderung zu verlangsamen.

Zuvor hatte bereits Philip von dem Bussche, Vorstandssprecher der KWS SAAT AG, einen Überblick über die gesellschaftlichen Herausforderungen gegeben, denen sich die Landwirtschaft und damit auch die Pflanzenzüchtung gegenüber sieht: Der Ertragsfortschritt bei den Ackerkulturen - derzeit rund ein bis zwei Prozent pro Jahr - sei sicher nicht die einzige, aber die richtige Antwort auf die Frage, wie eine ständig wachsende Weltbevölkerung ernährt werden könne. Denn durch die Verknappung des Ackerlandes bei gleichzeitiger Zunahme der Bevölkerung müsse ein Hektar Land immer mehr Menschen ernähren. Auch wenn heute genauso wie 1950 viele Menschen in der Welt hungern, dürfe man nicht vergessen, was der Ertragsfortschritt bereits geleistet habe: "Wir versorgen heute vier Milliarden Menschen mehr mit Nahrung zu besserer Qualität und günstigeren Preisen als noch 1950", so von dem Bussche. Einen großen Anteil daran hat die Pflanzenzüchtung.
Besonders deutlich werde der Zuchtfortschritt am Beispiel der Zuckerrübe: Erntete man 1950 noch 35 Tonnen Zuckerrüben bei 15 % Zuckergehalt, also fünf Tonnen Zucker pro Hektar, so seien es 2010 schon 65 Tonnen bei 19 % Zucker, also 12 Tonnen Zucker pro Hektar. Das von der KWS SAAT AG ausgegebene und von Zuckerwirtschaft wie Rübenanbauern unterstützte Ziel lautet: 20 Tonnen Zucker pro Hektar im Jahr 2020. Ein Ziel, das hoch gegriffen zu sein scheint, das aber einige Betriebe im Superrübenjahr 2011 bereits erreicht haben. Was heute Einzelleistungen sind, soll bis 2020 Durchschnitt werden. Positiv aus Sicht der Anbauer: Effektivität bezieht sich dabei nicht nur auf Zuckergehalt und den Hektarertrag, sondern auch auf die eingesetzten Saatguteinheiten. Wurde im Jahr 1983 aus einer Saatguteinheit noch 4,5 Tonnen Zucker produziert, sind es heute schon 10,7 Tonnen.

Aber könnte der Klimawandel den Beteiligten bei diesem ehrgeizigen Ziel in die Suppe spucken? Oder führt die Klimaveränderung, ohne diese herbeizuwünschen, gar zu steigenden Erträgen durch längere Vegetationszeiten und höhere Temperaturen? "Egal wie es kommen wird: Wir müssen vorbereitet sein für die Zukunft", machte Dr. Alexander Coenen, Regionenleiter Deutschland Zuckerrübe bei der KWS SAAT AG, deutlich. Denn der Klimawandel habe gleichermaßen Auswirkung auf Züchtung, Beratung, Zuckerindustrie und Landwirte.

Laut ZDF-Meteorologe Dr. Gunther Tiersch ist Ursache dieses Klimawandels der Treibhauseffekt: Die derzeit rund 4000 Teilchen Kohlendioxid pro einer Millionen Luftteilchen verhindern, dass die von der Sonne auf die Erde geschickte Wärme nicht vollständig wieder aus der Atmosphäre geht - es wird wärmer: "Was die Sonne in Jahrmillionen an Kohlenstoffvorräten auf der Erde aufgebaut hat, verpulvern wir in einigen Jahrzehnten", mahnte der gebürtige Ostholsteiner an. Mit weit reichenden Auswirkungen: Bis 2090 werde die Jahresmitteltemperatur um drei Grad ansteigen, in der Arktis sogar bis zu zehn Grad. Polareis schmilzt, Meeresspiegel steigen an, Landmassen werden künftig unter Wasser stehen.

Auch jenseits der Küsten hat das Folgen für Deutschland: Die Hitzetage (über 30 Grad) nehmen deutlich zu, die Eistage nehmen hingegen ab. Ende des 21. Jahrhunderts wird es bei uns rund 2,5 bis vier Grad wärmer sein als heute. Die Winter werden ein wenig feuchter, die Sommer aber deutlich trockener: um 25 % geringer Niederschlag im Norden, um 40 % geringer im Süden Deutschlands. Und was die Landwirte besonders trifft: Wenn der Regen im Sommer doch kommt, dann mit Macht: Er wird dann bis zu 40 % häufiger als bisher als Starkniederschlag fallen, so Dr. Tierschs Prophezeiung.

 

Winterfachtagung_ Zuckerrüben fit machen für den Klimawandel

 

Doch bei all den Schattenseiten gibt es auch Licht. Denn vom Klimawandel könnte die Landwirtschaft sogar profitieren - zumindest mittelfristig: Die Vegetationsperiode, die heute gegenüber 1951 schon um 10 Tage ausgeweitet sei, werde sich bis 2060 um 1,5 Monate ausweiten, so Dr. Tiersch. Durch mehr Kohlendioxid in der Atmosphäre gebe es mehr Photosynthese und weniger Verdunstung. Weizen könne allein dadurch weltweit bis zu 17 % mehr Erträge bringen - bei jedoch steigenden Risiken durch lange Trockenperioden, Hitzetagen und Extremniederschläge. Während man heute bei 20 Liter pro Stunde und 100 Liter pro Tag von einem starken Niederschlag rede, müssten wir uns künftig auf 50 bis 100 Liter Regen pro Stunde (!) einstellen. Klimawandel, so Dr. Tiersch Antwort auf Nachfrage, habe es natürlich immer gegeben - jedoch nicht innerhalb so kurzer Zeit und verursacht von sieben Milliarden Menschen auf dem Planeten.

Wie also reagieren? Der Schlüssel zum Erfolg wird in der Pflanzenzüchtung liegen. Die Zukunft haben an den Klimawandel angepasste Sorten, die mit Hitze, Trockenheit, Sturm und Starkniederschlag besser auskommen als die heutigen. Dr. Andreas Loock, Leiter der Zuckerrübenzüchtung bei der KWS SAAT AG, gab einen Einblick in das breite Anforderungsprofil, das an die Zuckerrübenzüchter gestellt wird: Neben den verschiedenen Verwendungsmöglichkeiten der Rübe wie Zucker und Energie müssten die Rüben auch fit gemacht werden gegen biologischen Stress (wie Pilze, Schädlinge) und abiotischen Stress (etwa Hitze, Trockenstress, Nährstoffmangel). Künftig würden nicht nur die Winter milder und die Sommer trockener werden, man müsse sich auch auf deutlich stärker variierende Witterungssituationen einstellen. Sein Fazit fällt dennoch positiv aus: Die Rübe gehe deutlich effizienter als C4-Pflanzen mit Wasser um, die tiefe Wurzel mache ihr zudem in trockenen Sommern auch das - je nach Standort - tiefere Bodenwasser aus den Winterniederschlägen zugänglich. Vom höheren CO2-Gehalt profitiere die Rübe, sie betreibe mehr Photosynthese: "Die Zuckerrübe bringt gute Voraussetzungen mit, den kurzfristigen Herausforderungen des Klimawandels in mitteleuropäischen Anbauregionen zu begegnen", so Dr. Loock. Die Herausforderung für die Züchtung sei die zum einen die Zeit - "wir entwickeln heute die Sorten, die Sie in zehn Jahren anbauen" -, zudem die klimabedingte Faktoren: die Zunahme der vorhandenen und neuen Pathogene (Krankheiten), der Unkräuter, der Stressfaktoren Hitze, Ozon, Temperatur und Einstrahlung sowie die Verlängerung der Vegetationsperiode. Ein Ergebnis der Züchtung der vergangenen Jahre seien die mehrfach toleranten Sorten (gegen Nematoden, Cercospora, Rizomania): "Hier sind wir schon gut aufgestellt. Aber wir sehen künftig einen deutlichen Mehrbedarf an diesen multiresistenten Sorten", ergänzte Dr. Loock.

Während die Beratungsstellenleiter Fritz-Jürgen Lutterloh und Hans-Wilhelm Roth die Rübensorten für die kommende Rübensaison vorstellten, gingen Dr. Carsten Stibbe und Dr. Arne Bollmann vom AgroService Zuckerrübe auf die Anforderungen an Sortentypen und Anbauverfahren ein. Im Mittelpunkt einer schon heute den Witterungsbedingungen gerecht werdenden Bewirtschaftung, so das Fazit, steht eine wassersparende Bewirtschaftung sowie eine optimal zu durchwurzelnde Struktur der Böden, wie sie etwa durch Zwischenfrüchte und anschließender Mulchsaat erreicht werde. Die Mulchschicht biete zudem den Vorteil des Erosionsschutzes bei Starkniederschlägen wie auch einen Überhitzungsschutz - das schafft übrigens auch ein Eldorado für Regenwürmer als die besten Helfer des Landwirts. Langjährige Versuche der KWS haben gezeigt, dass diese eher extensiven Bodenbearbeitungsvarianten am Versuchsstandort Wetze bei Northeim zu besseren Bedingungen für die Zuckerrübe geführt hätten als etwa die Pflugfurche.Durch die Klimaveränderung bedingte höhere Temperaturen zögen eine schnelle Erwärmung des Bodens, eine frühere Aussaat und hohe Erträge nach sich, aber auch engere Entwicklungszyklen der Nematoden - dies sei bei der Sortenwahl zu berücksichtigen. "Die Funktion des Bodens, Witterungseinflüsse zumindest teilweise auszugleichen, wird immer mehr an Bedeutung gewinnen", fasste Dr. Stibbe zusammen.

Fazit: Deutlich wurde, dass der Klimawandel längst im Gange ist und zu Veränderungen beitragen wird, die insbesondere die Landwirtschaft treffen. Auch wenn der Klimawandel Chancen mit sich bringt, etwa eine längere Vegetationszeit und höhere mögliche Erträge, sollte man die Augen nicht verschließen vor den Risiken: Starkregen, Hitze, lange Trockenperioden, neue und massiver auftretende Schädlinge und Krankheiten. Aber durch kontinuierlichen züchterischen Fortschritt kombiniert mit einer steten Verbesserung anbautechnischer Verfahren können Pflanzenzüchter und Landwirte gemeinsam einen Beitrag zur Bewältigung dieser Herausforderungen leisten. Denn neben der Züchtung der "klimafesten" Sorten durch die Saatguthäuser ist auch der Landwirt, seine Bewirtschaftungspraxis permanent auf den Prüfstand zu stellen unter dem Motto: Ist die althergebrachte Bewirtschaftungsweise noch zeitgemäß und klimagerecht? Nur dann kann es gelingen, die Landwirtschaft für die Zukunft im wahrsten Wortsinne wetterfest zu machen.