19.1.2000 Ausführungen von Andreas J. Büchting anläßlich der KWS Hauptversammlung am 19. Januar 2000
Verehrte Aktionäre, meine Damen und Herren, zunächst möchte ich Sie auch im Namen des Vorstands sehr herzlich willkommen heißen bei Ihrer KWS.
Wenn ich das letzte Jahr von der Metamorphose der KWS gesprochen habe, dann können Sie dies hier ganz handfest erleben: Seit über zwei Jahrzehnten findet unsere Hauptversammlung erstmals nicht in der Halle des KWS Hochhauses statt, sondern hier in der Nähe der Zukunftswerkstatt der KWS, nämlich in dieser gläsernen Halle des Biotechnikums, in der Sie zwischen Juni und Oktober eines der dezentralen EXPO-Projekte zum Thema 'Faszination Pflanzenzüchtung' besuchen können. Hier ist in unserem Alltag der Ort der Begegnung nicht nur zwischen den verschiedenen Forschern und Pflanzenzüchtern bzw. all den technischen Fachkräften, sondern auch unserer Vermarktungsspezialisten mit ihren Kunden und mit Meinungsbildnern aus Landwirtschaft, Politik und Gesellschaft. Nun also auch der Ort unserer Hauptversammlung mit sicherlich den einen oder anderen Unzulänglichkeiten, aber doch am Puls der Zeit, zumindest am Puls der KWS.
Apropos Puls der Zeit: die heiß erwartete Jahrtausendwende haben wir ja alle gut überstanden - unsere Technologie-Fachleute verbrachten eine ziemlich langweilige Silvesternacht - aber der Puls der Zeit hält KWS ganz schön am Laufen. Ich meine damit die öffentliche Diskussion über die erwarteten Segnungen oder Risikoszenarien der Bio- und Gentechnik. KWS hat bereits 1993 als erstes Unternehmen in Deutschland entsprechende Forschungsreihen in der natürlichen Umwelt durchgeführt und wird deshalb vielfach mit der grünen Bio- und Gentechnik in Deutschland assoziiert. Lassen Sie mich deshalb zum Forschungsprofil und zur Produktpalette der KWS noch einmal ganz deutlich sagen, daß wir den verschiedenen Disziplinen der Neuen Biologie nicht nur große Chancen einräumen, sondern sie in allen uns berührenden Kernpunkten auch selbst beherrschen wollen. Und es ist keine Frage, daß wir hier ganz vorne mitspielen, auch wenn in Europa entsprechende Produkte gegenwärtig noch nicht vermarktet werden und dies zumindest in den nächsten 3 Jahren auch nicht absehbar ist.
Nicht minder wichtig ist mir an dieser Stelle, Ihnen noch einmal ganz deutlich zu machen, daß der Anteil der neuen Technologien an unserem gesamten Forschungsbudget zwar nur rund 20 % ausmacht, aber durch die richtige Dosierung hohe Synergie-Effekte bringt. Wir sehen gerade in einer Optimierung der bewährten Technologien - also der 80% - mit den neuen Werkzeugen einen hohen Effizienzgewinn und damit einen Schub für neue Produkte.
Noch einmal anders gesagt: Unser Selbstverständnis bei KWS drückt sich aus im Anspruch, beste Produkte für die Anforderungen unserer Kunden zu entwickeln und dabei gleichermaßen die Forderungen von Politik und Gesellschaft nach umweltfreundlichen und sicheren Produkten zu erfüllen. Die dafür eingesetzte Technologie steht für uns nicht im Vordergrund, sondern letztlich die Qualität des Endproduktes. Wobei wir als transparentes Unternehmen die verwendeten Spezialtechnologien natürlich offenlegen, so daß der Kunde auch künftig wählen kann.
Und noch etwas gehört zu unserem Credo: Erfolgreiche Produkte lassen sich nur mit einem hochmotiviertem Team erreichen, weshalb wir genauso viel Wert auf eine intensive Fort- und Weiterbildung legen wie auf eine belebende Arbeitsatmosphäre. Vielleicht kann Ihnen dieser Ort davon ein wenig vermitteln.
Mit dem genannten Credo unterscheiden wir uns allerdings von vielen unserer Wettbewerber, was mir Gelegenheit gibt, Sie kurz über neuere Entwicklungen in unserer Branche zu informieren:
Die Zeit der munteren Milliarden-Akquisitionen von Saatgutunternehmen scheint einem nicht minder munteren Treiben von Fusionen zu weichen. Diese werden allerdings weniger durch die Saatgut-Aktivitäten oder die grüne Gentechnik verursacht, als vielmehr durch die häufig damit verbundenen Aktivitäten auf den Sektor der Pharmazie. Das visionäre Konzept von 'Life Science'–Unternehmen steht auf dem Prüfstand und wird höchst kontrovers beurteilt. Wir haben bei KWS nie einen Hehl daraus gemacht, daß wir dieses Konzept nicht als das unsrige verfolgen ebensowenig Fusionen und Akquisitionen à tout prix. Statt dessen sind wir konsequent einen Weg gegangen, der auf sinnvolle Kooperationen und Allianzen ausgerichtet war und ist. Quantitatives Umsatzwachstum steht dabei für uns nicht im Vordergrund, sondern vielmehr die Absicherung und Verbesserung unserer Ertragskraft. Wir wollen die Dinge gut tun, in denen wir am Weltmarkt oder in wichtigen Teilmärkten mit ganz vorne sind oder gute Aussichten haben, dort hinzukommen.
Lassen Sie mich dieses strategische Konzept für die drei Säulen unseres Kerngeschäfts – nämlich die Entwicklung neuer Sorten für Zuckerrüben, Mais und Getreide – einmal für Sie skizzieren:
1 Zuckerrübe
Unser ältestes Kind ist bekanntlich die Zuckerrübe, die uns nach wie vor viel Freude macht. Sie hatte ja auch eine lange und lehrreiche Jugendzeit! Die Entwicklung neuer Zuckerrübensorten ist bekanntermaßen nicht nur langwierig, sondern auch teuer. Dies hat dazu geführt, daß weltweit nur noch drei Unternehmensgruppen auf diesem Sektor originäre Entwicklungsarbeiten betreiben (nämlich neben KWS noch die schweizerische Novartis, die künftig als Syngenta restrukturiert wird, und die britisch-holländische Advanta, die offenbar nicht Bestandteil des Mergers von Novartis mit Zeneca sein wird). KWS hat es nach den schwierigen 80er Jahren geschafft, mit diesen starken Konkurrenten in den 90er Jahren nicht nur Schritt zu halten, sondern die Marktführerschaft auf dem Weltmarkt zurückzuerobern. Sie sehen, ein flexibles, mittelgroßes und eigenständiges Unternehmen kann den großen Life-Science-Companies durchaus davonlaufen. Man muß natürlich fit sein.
Es ist unser Ziel, diese Marktführerschaft bei Zuckerrübensaatgut zu halten und wenn möglich auszubauen. Dabei wollen wir uns vor allem auf unsere eigene Stärke verlassen, zumal bei der kleinen Zahl der Wettbewerber größere Allianzen schon wettbewerbsrechtlich nicht möglich sind. Ein detailliertes Bild dieser "Königsdisziplin" der KWS wird Ihnen nachher mein Kollege Christopher Ahrens zeichnen.
2 Mais
Das zweite Standbein der KWS - nämlich der Mais - hat mit anderen Rahmenbedingungen zu tun. Es gibt kein großes Züchtungsunternehmen auf dieser Welt, welches sich nicht besonders mit der Kulturpflanze Mais befaßt. Dies liegt an den großen Anbauflächen, die sich freilich auch in klimatisch ganz unterschiedlichen Zonen befinden.
KWS hat es geschafft, schon vor Jahren eindeutig die Marktführerschaft in dem wichtigen Maismarkt Deutschland zu erreichen, während wir in Europa an vierter Stelle liegen. Zählt man hier allerdings schon unseren neuen Kooperationspartner RAGT mit dessen Marktanteilen hinzu, ergibt sich eine kombinierte Position als Nummer drei hinter der auf Mais spezialisierten französischen Genossenschaft Limagrain und dem Weltmarktführer Pioneer noch vor Novartis (künftig Syngenta) und auch deutlich vor der Monsanto-Gruppe. Soweit zu Europa.
In den USA, dem Mekka des Maisanbaus mit der größten Anbaufläche dieser Pflanze in der ganzen Welt haben wir es noch nicht geschafft, in den Kreis der Top Ten vorzustoßen. Unsere dortige Gesellschaft Great Lakes Hybrids, die in Michigan angesiedelt ist, stagniert in der Entwicklung seit einigen Jahren, weshalb wir nach einer größeren kritischen Masse getrachtet haben.
Ein Sprung nach vorn läßt sich nun erfreulicherweise realisieren durch eine Fusion unserer Aktivitäten in den USA mit denen der europäischen Nummer eins beim Mais, nämlich Limagrain, die im nordamerikanischen Maismarkt zwar größer ist als wir, aber ebenfalls noch nicht die kritische Masse hat. Wir werden mit Limagrain in dieser Woche noch Verträge unterzeichnen, welche die Zusammenlegung unserer Züchtungsaktivitäten in den USA im Verhältnis 1:1 und der kommerziellen Aktivitäten inklusive Produktion beinhalten. KWS wird an den gemeinsamen Vertriebs- und Produktionsaktivitäten für Mais sowie Sojabohnen und Luzerne ein gutes Drittel halten mit der Option, bis 50% zu erwerben.
Einzelheiten wird Ihnen gleich im Anschluß mein Kollege Jochen Beyes darstellen, so daß ich hier nur noch anzufügen brauche, daß wir mit Limagrain auch in Europa eine strategische Allianz bilden wollen, eine sog. "Alliance of Equals", um bei der beliebten Sprache der Finanzanalysten zu bleiben. Die geplante Allianz mit Limagrain soll ein deutliches Zeichen setzen, daß sich auch unabhängige Unternehmen der Pflanzenzüchtung in einer intelligenten Form zusammentun können, ohne einander zu dominieren. Die Stärke von Limagrain ist sehr durch den französischen Markt bestimmt, und zwar in noch stärkerem Maße als dies für KWS und Deutschland der Fall ist. Die Unternehmensphilosophien von KWS und Limagrain ähneln sich sehr, nicht zuletzt in der Hinsicht, daß wir unabhängig bleiben und nicht in einem großen Konzern aufgehen wollen. Und schließlich sind beide Unternehmen vom landwirtschaftlichen Saatgut her nicht nur ähnlich groß, sondern auch ausgesprochen forschungsorientiert, so daß wir in der Bewältigung der großen Herausforderungen der Zukunft gerade auch auf dem F+E-Sektor eine wichtige gemeinsame Plattform sehen, die z.B. in Richtung Genomforschung ausgebaut werden soll.
Unabhängig von dieser neuen Allianz läuft die Zusammenarbeit mit unserem anderen französischen Partner RAGT erfolgversprechend. Diese ist fokussiert auf die Verkaufs- und Produktionsaktivitäten im Teilbereich Mais in Europa, und soll als weiteren Fokus ein gemeinsames Züchtungsprogramm für Sonnenblumen erhalten.
Wir sind überzeugt davon, daß unser Kooperationsgeflecht bei allen Mentalitätsunterschieden ausgezeichnet klappen kann, wenn die jeweiligen Rollen und Erwartungshorizonte klar definiert sind. Auch hierzu wird Ihnen nachher mein Kollege Jochen Beyes noch Einzelheiten berichten.
Wir geben im übrigen die Information zu unserer neuen Allianz zeitgleich auch an die Medien weiter, was uns durch das Wertpapier-Handelsgesetz vorgegeben ist, damit sich nicht anwesende Aktionäre nicht benachteiligt fühlen. Ansonsten hätten wir Sie wegen Ihrer teils langen Anreise natürlich gerne bevorzugt behandelt, damit Sie nicht nur durch den süßen Marzipantaler nach dem Mittagessen am Ausgang merken: es lohnt sich, zur HV der KWS nach Einbeck zu fahren
3 Getreide
Die dritte große Säule unserer Geschäftsaktivitäten stellt das Getreide dar, welches durch unsere Beteiligungsgesellschaft Lochow-Petkus in Bergen bei Celle geführt wird. Lochow-Petkus hat sich in den letzten Jahren zu einer europäischen Saatgutgruppe auf dem Getreidesektor entwickelt, der durch viele Teilmärkte gekennzeichnet ist
Auch Lochow-Petkus wurde im letzten Jahr durch eine Allianz mit einem renommierten französischen Züchterhaus geprägt, nämlich mit dem nordfranzösischen Haus Momont, welches nun in dritter Generation von sehr tüchtigen Nachfahren der Gründerfamilie geführt wird.
Auch hier war die sehr ähnliche Unternehmensphilosophie die Triebfeder für ein gemeinsames Unternehmen: So hat sich Lochow-Petkus mit 49% an der französischen Momont beteiligt. Also erneut kein Dominanzstreben, sondern als Ziel eine Situation mit zwei gleichen Gewinnern durch die Verknüpfung komplementärer Stärken. Der Erfolg wird nicht zuletzt von den agierenden Personen abhängen, was sich ebenfalls bisher exzellent angelassen hat.
Operativ hat Lochow-Petkus im vergangenen Jahr die Schwäche mit der Roggensorte Farino weitgehend bewältigen können. Sie werden sich erinnern, daß im Jahr 1998 viele Landwirte sozusagen durch höhere Gewalt deutlich weniger Kornerträge ernten konnten als erwartet. Bis heute sind die Experten diesem unerwarteten Phänomen nicht auf die Spur gekommen. Die Biologie von Pflanzensorten ist eben doch ein wenig komplizierter als beispielsweise die von Landmaschinen oder Marmelade. Im übrigen haben über 100 vorliegende Gerichtsurteile inzwischen bestätigt, daß mit dem Kulanzangebot von Lochow-Petkus eine mehr als faire Regelung angeboten worden ist, von der ja auch mehr als 90% der betroffenen Landwirte Gebrauch gemacht haben. Das hatte den Jahresabschluß 97/98 natürlich erheblich belastet.
1998/1999 stand indes nicht mehr Farino im Vordergrund, sondern das ausgezeichnete Abschneiden unserer jungen englischen Tochtergesellschaft Cambridge Plant Breeders Twyford vor allem für die Pflanzenarten Winterraps und Weizen. Hierauf geht das gute Ergebnis der Lochow-Petkus-Gruppe im Jahre 98/99 im wesentlichen zurück, wozu erfreulicherweise auch die neuen Hybridroggensorten ebenso wie verbesserte Weizensorten beigetragen haben.
Für die nächsten Jahre wird ein bedeutendes Betätigungsfeld für die Gesellschaft in Polen liegen, zumal wir dort inzwischen einen landwirtschaftlichen Betrieb mit 1.700 ha langfristig pachten konnten und darüber hinaus wesentliche Investitionen in die Aufbereitung von Hybridroggen für die polnische Landwirtschaft getätigt haben. Es gibt kein anderes Land auf der Welt, in dem so viel Roggen konsumiert wird wie in Polen, und da wollen wir als europäischer Marktführer natürlich mit dabei sein. Dies wird einen langen Atem benötigen, über den wir als gut trainierte, schlanke und unabhängige Unternehmensgruppe auch verfügen.
Gesamtwürdigung und Ausblick
Meine Damen und Herren, damit komme ich zur Zusammenfassung meiner Ausführungen und zum Ausblick:
Mit dem Geschäftsjahr 1998/1999 konnte die KWS Gruppe unter dem Strich nicht nur an das herausragende Vorjahr anknüpfen, sondern hat dabei auch erhebliche Belastungen aus dem Steuerreformpaket der Regierung verkraftet.
Diese rund 25 Millionen D-Mark betragende Belastung für die KWS Gruppe konnte durch eine sog. aktive Steuerabgrenzung in Übereinstimmung mit den internationalen Gepflogenheiten in der Rechnungslegung auf knapp die Hälfte reduziert werden. Da auch sonst unser Ergebnis einiges verkraftet hat, was Sie gleich von Herrn Beyes hören werden, läßt sich zusammenfassend feststellen, daß die KWS Gruppe heute kerngesund ist und daneben eine Menge an Prophylaxe tut, um auch in Zukunft als gesundes und starkes Unternehmen mit dabei zu sein.
Indes: Die Phantasie eines großen Durchmarsches gentechnisch verbesserter Produkte wird in den nächsten Jahren nicht zur Realität werden. Dennoch dürfte dieser verzögerte ROI trotz hoher Vorlaufaufwendungen durch unsere solide Geschäftsbasis verkraftet werden. Wir werden alles tun, um geeignete Prototypen dieser innovativen Sorten bereit zu haben, wenn der Markt dafür aufnahmefähig ist.
Meine Damen und Herren, die KWS SAAT AG ist mit der früheren AG wegen der Ausgliederung der Mais-Aktivitäten nur noch bedingt vergleichbar. Der um 16,5% reduzierte Jahresüberschuß der AG läßt trotzdem eine Dividende auf Vorjahresniveau zu, worin die konstante Ertragskraft der Unternehmensgruppe zum Ausdruck kommt. Der Gruppenabschluß wird künftig auch für die AG entscheidend sein.
Was die Aussichten für das Geschäftsjahr 1999/2000 anbelangt, sind wir nicht ohne Optimismus. Das Umsatzniveau wird erneut etwas rückläufig sein (Stichwort Agenda 2000) und auch die Funktionskosten werden aufgrund einiger Zukunftsprogramme weiter steigen. Ich nenne dazu nur die Innovationsfelder Genomforschung und Bioinformatik. Nichtsdestoweniger dürften die außerordentlichen Belastungen im laufenden Geschäftsjahr eher zurückgehen, so daß wir alles tun werden, um die nicht unerfreuliche Ertragskraft der KWS auf gutem Niveau zu stabilisieren. Und mit diesem Ausblick möchte ich schließen.