19.1.2000 Ausführungen von Christopher Ahrens anläßlich der KWS Hauptversammlung am 19. Januar 2000
Meine sehr geehrten Damen und Herren,abschließend zu den Ausführungen meiner beiden Kollegen möchte ich Ihnen zusammengefaßt über den Verlauf und das Ergebnis des letzten Geschäftsjahres für die beiden Geschäftsbereiche Zuckerrübensaatgut und Osteuropa berichten.
Die Ernten der letzten drei Jahre von Zucker aus Zuckerrüben und Zuckerrohr waren gut bis sehr gut. Daraus resultierten hohe Vorratsbestände und damit niedrige Weltmarktpreise für Zucker. Als Folge davon wurden die Anbauflächen für Zuckerrüben in den meisten Ländern leicht reduziert. Das bedeutete für uns natürlich ein Schrumpfen des Marktvolumens. Dennoch konnte die Sparte Zuckerrübensaatgut eine leichte Umsatzsteigerung von 1 % auf konsolidiert 337 Mio. DM erzielen, In der Umsatzstruktur jedoch gab es erhebliche Verschiebungen, denn einem deutlichen Umsatzeinbruch in Osteuropa standen Marktanteils- und Umsatzsteigerungen in den westeuropäischen Ländern und in den USA gegenüber.
Die drei wichtigsten Absatzgebiete für unser Rübensaatgut sind Deutschland, Frankreich und die USA. Die stabile Leistung unserer Standardsorten wie auch der krankheitsresistenten Spezialsorten, in erster Linie die Rizomania-Sorten, wie auch die hohe sogenannte äußere Qualität des Saatgutes, also das Feldaufgangsvermögen unsrer Produkte, werden von unseren Kunden anerkannt. Ebenso werden der Service unserer hochqualifizierten Vertriebs- und Beratungsmannschaft wie auch die gute Kommunikationspolitik in den Märkten sehr geschätzt.
So konnten wir in Deutschland unseren Marktanteil steigern und damit einen leichten Flächenrückgang kompensieren. Auch in Frankreich haben wir den hohen Marktanteil von über 40 % halten können. Die französische Landwirtschaft hat den Ausbau unserer Vermehrungsaktivitäten in Südwestfrankreich und die Etablierung einer modernen Reinigungsanlage sehr positiv aufgenommen. Darüber hinaus werden wir unsere Präsenz in diesem wichtigen Markt noch durch den Bau einer neuen Zuchtstation in Nordfrankreich, etwa auf halbem Wege zwischen Paris und Lille, verstärken.
Auch in den anderen europäischen Ländern wie Holland, Belgien, England und Spanien haben wir unsere guten Marktanteile halten können, lediglich in Italien erlebten wir einen Umsatzrückgang, der auf starke Sortenleistungen unserer Wettbewerber zurückzuführen ist.
Unsere zuvor schon erwähnte Tochtergesellschaft BETASEED in den USA hatte ein sehr erfreuliches Umsatzwachstum zu verzeichnen. Unsere dortige Mannschaft hat mit sehr leistungsfähigen Sorten, mit Saatgut bester Qualität und einem effizienten Marketing den Marktanteil generell deutlich erhöht. Dazu kam dann, daß die im letzten Jahr vereinbarte Kooperation mit der größten amerikanischen Zuckergesellschaft American Crystal Sugar Corporation gute Früchte getragen hat. Dadurch konnten wir gerade im Kerngebiet des amerikanischen Zuckerrübenanbaus, im Red River Valley in den Bundesstaaten Minnesota und North Dakota unsere Position deutlich verbessern.
In der Türkei hat unsere Beteiligungsgesellschaft Pan Tohum, an der die KWS 51 und die türkische staatliche Zuckerindustrie 49 % halten, die hohen Marktanteile verteidigen können. Da das Zuckerrübensaatgut in der Türkei selbst vermehrt und aufbereitet wird, partizipiert die KWS über die Lizenzzahlungen von der Pan Tohum. Im einzigen zuckerrübenanbauenden Land der südlichen Halbkugel, in Chile, hat unsere Tochtergesellschaft KWS Chile die guten Erfolge der letzten Jahre fortgesetzt. Die Modernisierung und der Ausbau unserer großen Züchtungsstation Porvenir gehen weiter und unterstreichen die Bedeutung der Station als kontrasaisonaler Züchtungs- und Produktionsstandort für Zuckerrüben- und auch Maissaatgut.
Im laufenden Geschäftsjahr 1999/2000 wird der Wettbewerb noch härter, allein schon durch die ziemlich sichere Prognose, daß in unsren Kernmärkten in Westeuropa die Anbauflächen recht drastisch heruntergefahren werden. Die Jahrhunderternte des Jahres 1999 hat dazu geführt, daß Landwirte sowohl durch die Zuckerindustrie als auch die Anbauverbände nachdrücklich angehalten werden, die Produktionsplanung für das Anbaujahr 2000 strikt auf die Erfüllung der A- und B-Quote auszurichten und nach Möglichkeit jegliche Produktion von C-Zucker zu vermeiden, um die bereits eingangs erwähnten hohen Weltzuckervorräte nicht noch weiter ansteigen zu lassen und damit den Markt zu belasten. Allein in Frankreich und Deutschland erwarten wir einen Flächenrückgang zwischen 5 und 10 %, in den anderen EU-Ländern sieht es nicht viel anders aus. Auch in den mitteleuropäischen und sogar in den Ländern der GUS soll die Zuckerproduktion deutlich reduziert werden.
Über die Entwicklung in Mittel- und in Osteuropa im abgelaufenen Geschäftsjahr 98/99 kann ich Ihnen keine grundsätzlich positiveren Informationen geben als ich bereits im letzten Jahr an dieser Stelle tat. Zusammengefaßt konsolidiert sich die Lage in den mitteleuropäischen Ländern, während sich die Lage in den GUS-Staaten wie Rußland, Ukraine, Moldawien, Kasachstan etc. wie nun auch in China für uns weiter verschlechtert hat.
Die Lage der Landwirtschaft und der Zuckerindustrie in den mitteleuropäischen Ländern vom Baltikum bis nach Südosteuropa ist gekennzeichnet durch eine drastische Rücknahme der Zuckerrübenanbauflächen, da die Produktivität in den letzten Jahren außerordentlich stark angestiegen ist. So hat sich z.B. die Anbaufläche in Ungarn von ehemals 120.00 ha auf heute 60.000 ha halbiert. Insgesamt hat sich die wirtschaftliche Lage aus unserer Sicht jedoch verbessert, unter anderem auch dadurch, daß größere Teile der Zuckerindustrie von westlichen Gesellschaften übernommen worden sind. Diese Geschäftsbeziehungen sind natürlich sehr zuverlässig und solide, auch wenn die betriebswirtschaftliche Situation bei allen Beteiligten noch alles andere als zufriedenstellend ist. Wir bauen weiterhin unsere Gesellschaften und Repräsentanzen in diesen Ländern aus und leisten damit auch einen Beitrag zur positiven Entwicklung der Landwirtschaft.
Ein Schwerpunkt unserer Arbeit ist naturgemäß das große Agrarland Polen, wo die KWS Polska mit einem sehr qualifizierten Mitarbeiterstamm an der Aufbauarbeit in Landwirtschaft und in den Zuckerfabriken teilnimmt. Aber auch in eher schwierigen Ländern wie Weißrußland bauen wir unsere Präsenz zwar behutsam aber doch stetig aus.
Das abgelaufene Geschäftsjahr in der Ukraine war weiterhin gekennzeichnet durch eine orientierungslose Wirtschafts- und Agrarpolitik. Die Umsätze wurden daher gezielt weiter zurückgefahren, um das Forderungsrisiko unter Kontrolle zu halten, Geschäfte wurden in der Regel nur gegen Vorkasse gemacht. Die deutsche Geschäftsführung in Vinnitsa arbeitete die Situation in unserer Beteiligungsgesellschaft Unisem auf und ist nun bestrebt, mehr Transparenz in die Vorgänge zu bringen. Ob sich nach der Wiederwahl des Präsidenten Kutschma grundsätzlich die Richtung im Lande ändert, muß abgewartet werden. Es gibt allerdings einige ermutigende Signale seitens des neuen Premierminister und seiner Regierungsmannschaft.
In Rußland setzte sich die ziemlich deprimierende Wirtschafts- und Agrarpolitik der Regierung fort, Reformfortschritte waren nicht zu erkennen. Der überraschende Rücktritt Jelzins am 31.12.99, die geschäftsführende Präsidentschaft unter Putin und die für den 26. März 2000 festgesetzte Präsidentenwahl wird hoffentlich auch hier einiges in Bewegung setzen. Es ist zur Zeit sehr schwer abzuschätzen, wie der Kurs der neuen Regierung sein wird, aber Rußlandexperten erwarten eine pragmatischere und stetigere Politik als bisher. Da wird es sich sicherlich auszahlen, daß wir in den zurückliegenden schwierigen Jahren unsere Position ausgebaut haben und mit der GERSEM eine gute Startplattform haben.
Die Volksrepublik China hat Ende 1998 hohe Importzölle auf Zuckerrübensaatgut und andere Saatgutkategorien erhoben. Dadurch sind unsere hoffnungsvollen Initiativen in diesem Lande zunächst verlangsamt worden. Trotz allem laufen unsere gemeinschaftlichen Züchtungsprogramme mit chinesischen Instituten auf dem Gebiet Zuckerrüben und Sonnenblumen weiter, der Aufbau einer Lizenzproduktion im Lande macht gute Fortschritte. Auch kleinere Aktivitäten mit unseren Maissorten lassen auf spätere Erfolge hoffen.
Insgesamt, meine Damen und Herren, schätzen wir die Entwicklung der Sparte ZR im laufenden Geschäftsjahr verhalten ein. Die Leistungen unserer Sorten sind trotz einer erstarkten Konkurrenz nach wie vor sehr wettbewerbsfähig. Was uns härter trifft, ist zweifellos die starke Rücknahme der Zuckerrübenanbauflächen, die nach dem exzellenten Vegetationsjahr 1999 zu erwarten ist. Meines Erachtens ist die Schrumpfung des Marktpotentials ein irreversibler Prozeß, denn der Zuchtfortschritt wird weitergehen und die Zuckerproduktion pro Hektar erhöhen. Der Rückgang des mengenmäßigen Absatzpotentials wird auch durch Preiserhöhungen nicht zu kompensieren sein. Daher konzentrieren sich unsere Anstrengungen neben den Verkaufsanstrengungen auch auf interne Rationalisierungsmaßnahmen, um die Kosten zu senken.
Darüber hinaus verstärken wir unsere Bemühungen, im weitesten Sinne unsere Dienstleistungen zu verbessern. Dazu zähle ich die Einführung der Standard-Software SAP/R3, die Zusammenfassung unserer gesamten Logistik in einer schlagkräftigen Gruppe und die Einrichtung einer Abteilung "Strategisches Marketing", deren Aufgaben die Analyse langfristiger Markttrends und deren Berücksichtigung in unseren Marketing-Konzepten sind. In einem globalen Wettbewerbsumfeld wollen wir unsere Stärken noch stärker machen.