Deutschland Investor Relations Hauptversammlungen Hauptversammlung 2008 Ausführungen von Philip von dem Bussche

Ausführungen von

Philip von dem Bussche
anlässlich der Hauptversammlung der KWS SAAT AG
am 16. Dezember 2008


Philip von dem Bussche
Philip von dem Bussche

Sehr geehrte Aktionäre der KWS SAAT AG, liebe Gäste,

I. Einleitung:

Die heutige Hauptversammlung beendet das erste Jahr in der mehr als 150-jährigen KWS Geschichte ohne ein Mitglied der Familienaktionäre im Vorstand der Gesellschaft. Dazu gibt es vier gute Nachrichten:

  1. Botschaft Nummer 1: Wie wir schon im letzten Jahr angekündigt haben, Ihre KWS ist weiterhin langfristig wertorientiert ausgerichtet.
  2. Botschaft Nr. 2: Der neue Aufsichtsrat, insbesondere sein Vorsitzender Andreas Büchting, begleitet das Unternehmen im doppelten Wortsinn: Mit strenger Aufsicht und mit gutem Rat bei allen wesentlichen Entwicklungsschritten. Die Gremien und die in ihnen handelnden Personen arbeiten effektiv.
  3. Botschaft Nr. 3: Wir haben 2007/2008 das erfolgreichste Jahr in der KWS-Geschichte hinter uns gebracht. 600 MIO Euro Umsatz, 70 MIO EBIT und 55 MIO Euro Jahresüberschuss sind die höchsten je erzielten Werte. Zusätzlich wurden 30 MIO Euro in die Zukunft des Unternehmens investiert. Die KWS bleibt auf Erfolgskurs.
  4. Damit auch Sie als Aktionäre an diesem Erfolg partizipieren können, schlagen wir - wie in Punkt 2 der Tagesordnung für die heutige Hauptversammlung angekündigt - die Ausschüttung einer Dividende auf jede der insgesamt 6.600.000 Stückaktien in Höhe von 1,70 Euro vor. Wir halten diese Dividende für angemessen, da beim Jahresüberschuss einmalige Effekte (Steuer, Verkäufe) aufgetreten sind, die sich in den Folgejahren nicht wiederholen werden.

 

II. Agrarmarktentwicklung:

Der große Erfolg der KWS im abgelaufenen Jahr ist ganz wesentlich unterstützt worden durch die globale Agrar-Konjunktur: Wenn es unseren Kunden gut geht, dann kaufen sie Qualitätssaatgut, um hohe Erträge abzusichern.

Nun befinden wir uns schon weit im neuen Wirtschaftsjahr 2008/2009 mit völlig veränderten Vorzeichen. Die Finanzkrise ist überall spürbar, die Agrarpreise haben sich im letzten Halbjahr mehr als halbiert und der Kurs der KWS-Aktie ist weit unter das Rekordniveau vom Sommer 2008 gefallen. Auch wenn wir es im bisherigen Geschäftsverlauf kaum gespürt haben, so wissen wir doch, dass im kommenden Frühjahr in vielen Weltregionen die Liquidität unserer Kunden in Landwirtschaft und Handel unter Druck geraten wird.

Wie passt es dazu, dass die KWS vor wenigen Wochen der Presse berichten konnte über ein großes Investitionsprogramm allein am Standort Einbeck mit 20 MIO Euro Investitionen und 50 neuen Arbeitplätzen bis Ende 2009?

Mit solchen Nachrichten setzen wir gerade in Krisenzeiten ein beruhigendes Signal, weil wir an den positiven Langfristtrend des Agrarsektors glauben. Dabei lassen wir uns von kurzfristigen Konjunkturverläufen nicht irritieren, denn unsere Produktentwicklungen von heute dienen den Märkten in 10 - 20 Jahren.

Ich glaube sogar, dass wir mit unseren langfristig orientierten Aktionären und mit unserer hohen Eigenkapitalbasis neue Chancen bekommen werden, um das Wachstum in den nächsten Jahren weiter zu beschleunigen.

III. Entwicklung im Segment Zuckerrüben:

Die „Königin der Feldfrüchte“ hat im abgelaufenen Jahr 2007/2008 verstärkt unter dem Rückgang der Anbauflächen gelitten. Das lag in der EU an der Zuckermarktreform, aber auch an der Preiskonkurrenz bei Getreide, Mais und Raps. Die Landwirte haben verstärkt den Anbau dieser Hochpreis-Produkte gewählt. Das gilt nicht nur für die EU. Das gilt auch für andere Anbauregionen wie Russland und Ukraine. Weltweit ist der Rübenanbau um fast 20 % zurückgegangen. Daher können wir mit unserem Rückgang um nur 2,5 % auf 195 MIO Euro bei einem Segmentergebnis von 28 MIO Euro sehr zufrieden sein.

Besonders geholfen hat uns der rasante Anstieg der Flächen mit Roundup Ready-Zuckerrüben in den USA. Der Anbau ist im zweiten Jahr von 1.000 ha auf über 300.000 ha angestiegen. Das sind nun schon mehr als 60 % der Rübenanbaufläche in den USA. Wir erwarten, dass es im Frühjahr 2009 bis zu 90 % der Fläche werden können. Selten ist eine Innovation so schnell vom Markt angenommen worden.

Die neue Technologie wurde ganz wesentlich von unserer Tochterfirma PLANTA entwickelt. Darauf sind wir bei KWS sehr stolz. Die US-Landwirte setzen die neuen RR-Zuckerrüben nicht deshalb ein, um KWS einen Gefallen zu tun, sondern sie sehen die großen Vorteile dieser Technologie. Sie sparen 1/3 ihrer Pflanzenschutz-Aufwendungen, können die Erträge steigern und betreiben weniger Aufwand im Maschineneinsatz. Damit werden außerdem Energie und CO2 - Ausstoß in der Rübenproduktion verringert.

Daher ist KWS daran interessiert, diese Zukunftstechnologie ab 2015 auch den europäischen Landwirten anbieten zu können. Wir sind sehr froh, dass wir in diesem Jahr sechs Freilandversuche mit gentechnisch veränderten Zuckerrüben erfolgreich durchführen konnten. Dazu hat ganz wesentlich der freiwillige, persönliche Einsatz unserer Mitarbeiter beigetragen, die am Standort Northeim durch ihre Anwesenheit bei der Aussaat für unsere Forschungsfreiheit demonstriert haben. Natürlich entscheidet nicht die KWS alleine, ob diese Zukunftstechnologie von deutschen Landwirten ab 2015 eingesetzt wird, sondern die Verbraucher, die Zuckerindustrie und die Landwirte. Wir wollen diese Option durch unsere Forschungsarbeit offenhalten.

IV. Grüne Gentechnik bei KWS:

Unsere Zukunftsentwicklungen in der Grünen Gentechnik werden uns - gerade bei unserer Kernkompetenz Zuckerrübe – eine gewisse Unabhängigkeit von den global agierenden Agrochemie-Unternehmen ermöglichen. Beispielsweise sehen wir in der Entwicklung von Winterrüben mit 30 % höheren Erträgen langfristig eine wichtige Grundlage, damit die Zuckerrübe für die Zucker- und Energieproduktion mit dem Zuckerrohr mithalten kann. Dafür forschen wir am Standort Deutschland.

In diesem Zusammenhang wird uns von Kritikern - auch in einigen Gegenanträgen - immer wieder empfohlen, auf diese Forschung zu verzichten und uns auf die Entwicklung ökologischer Sorten zu konzentrieren. Dazu möchte ich klarstellen, dass die KWS für 70 verschiedene Länder Sorten entwickelt. In den USA, unserem größten Wachstumsmarkt, verlangen die Landwirte zwischen 70 und 90 % der Sorten als gentechnisch verbesserte Produkte. Fast ein Viertel ihres weltweiten Umsatzes erzielt KWS inzwischen mit gentechnisch veränderten Sorten. Weniger als 1% des Umsatzes erzielen wir mit ökologischen Sorten, obwohl uns diese Anbaurichtung sehr sympathisch ist. Ökologischer Anbau ist bei Zuckerrübe und Mais (Kernkompetenz KWS) sehr gering verbreitet. Wir bieten konventionelle, ökologische und gentechnisch veränderte Sorten an; je nachdem was der Landwirt von uns haben möchte. Ein einseitiger Verzicht auf die Gentechnik würde uns auf einen Schlag ca. 150 MIO Euro Umsatz und die Präsenz am amerikanischen Markt kosten mit Auswirkungen auf weitere Monopole.

Für alle Landbauformen haben wir unsere zentrale Forschung in Deutschland. Es geht also nicht um die Frage, was wir anbieten, sondern wo wir forschen. Es geht auch um die Frage, ob in Zukunft nur noch die Großkonzerne in den USA forschen, oder ob weiterhin auch mittelständische Züchter an dieser Zukunfts-Technologie arbeiten. Wir tun dies am Standort Deutschland, der weltweit hierfür die strengsten Bedingungen aufstellt. Wir tun dies in dem Wissen, dass aus zugelassenen Anwendungen weltweit bisher kein einziger Schadensfall für Verbraucher, Umwelt oder Anwender aufgetreten ist, obwohl fast 120 MIO ha - also die zehnfache Ackerfläche Deutschlands – mit gentechnisch veränderten Pflanzen angebaut werden. Um diese internationalen Erfahrungen abzusichern, hatte das EU-Parlament eine große Studie in Auftrag gegeben, in der die bisherigen Ergebnisse der Gentechnik-Forschung und des Anbaus überprüft worden sind. Der sogenannte Joint Research Center kommt nach mehrjähriger, intensiver und neutraler Prüfung zum Ergebnis, dass von Grüner Gentechnik keine Gefahren für Tiere und Verbraucher ausgehen.

V. Pflanzkartoffeln:

Raus aus den Kartoffeln – rein in die Kartoffeln: Was macht es für einen Sinn, werden Sie sich fragen. Im alten Geschäftsjahr haben wir die RAGIS Kartoffelzucht- & Handelsgesellschaft GmbH verkauft und bereits zum 1. Juli 2008 ein 50 - 50 Joint Venture Van Rijn – KWS gegründet. Das Gemeinschaftsunternehmen mit der niederländischen Van Rijn Gruppe betreibt die Züchtung und Produktion von Pflanzkartoffeln mit einem Netzwerk von Vermehrungs- und Vertriebspartnern in rund 60 Ländern. Es verfügt über ein wettbewerbsfähiges Sortenportfolio für die industrielle Verarbeitung und für den Frischkonsum. KWS erlangt in der neuen Partnerschaft gleichberechtigtes Eigentum an dem vorhandenen Züchtungsmaterial sowie den Sortenrechten. Das ist für einen Pflanzenzüchter ja immer der entscheidende Faktor.

Auch heute wird die Kartoffel noch eine wichtige Rolle spielen. Dem Anlass entsprechend laden wir Sie heute zu einer besonderen Delikatesse ein - nämlich zu einer ordentlichen Kartoffelsuppe! Anschließend können Sie sich noch bei einem Glühwein und Krapfen auf den vierten Advent einstimmen.

Und als Wegzehrung wird Ihnen ein Marzipantaler überreicht.

VI. Personalentwicklung:

„Zukunft säen“ gilt bei uns nicht nur für die Produkte, sondern ganz besonders für unsere Mitarbeiter. Die erfolgreiche Entwicklung der letzten Jahre verdanken wir vor allem unseren kompetenten, hoch qualifizierten und motivierten 3.000 Mitarbeitern in 70 Ländern. Wir wollen unsere Mitarbeiter fördern. Wir wollen uns weiterhin für den Nachwuchs engagieren; sichtbar unter anderem an unserer hohen Ausbildungsquote von ca. 10 % am Standort Einbeck.

Zu einer guten wertorientierten Unternehmensführung gehört es auch, die Mitarbeiter angemessen am Unternehmenserfolg zu beteiligen. Denn es sind die Mitarbeiter, die jeden Tag aufs Neue das Leistungsversprechen von KWS gegenüber dem Kunden einlösen und damit diesen Unternehmenserfolg erst möglich machen. Daher haben wir ein neues Modell der Mitarbeiter-Beteiligung ins Leben gerufen. Mitarbeiter in Deutschland und demnächst auch in der EU können bis zu 500 Aktien pro Jahr erwerben mit einem Rabatt von 20 % auf den aktuellen Börsenkurs. Diese Aktien müssen im Gegenzug mindestens 4 Jahre lang gehalten werden. Mit dieser Beteiligung am Kapital der KWS wird neben unserem bisherigen Belegschaftsaktienmodell eine neue Form der Mit-Unternehmerschaft begründet. Die Mitarbeit im Unternehmen macht mehr Freude, wenn man den besten aller denkbaren Arbeitgeber bekommt, nämlich sich selbst.

VII. Ausblick:

KWS wird weiterhin auf dem festen Fundament einer langfristigen Perspektive und auf Basis einer zukunftsfähigen Forschung und Entwicklung ihre Rolle auf dem Weltmarkt spielen. Wir tun dies mit dem klaren Bekenntnis zum deutschen Standort; insbesondere hier in Süd-Niedersachsen im schönen Einbeck, in Klein-Wanzleben in Sachsen-Anhalt, in Seligenstadt in Bayern, in Gondelsheim in Baden-Württemberg, in Bergen-Wohlde/Niedersachsen und in den meisten übrigen Bundesländern. Das ist nicht provinziell, sondern zukunftsbezogen. Die Globalisierung ist nicht aufzuhalten, aber nur der wird sie meistern, der seine klare eigene Identität bewahrt.

Ich bin fest davon überzeugt, dass wir – anders als die Giganten der Agrarszene – mit unserer Flexibilität, mit der hohen Mitarbeiter-Motivation, mit unserer Kooperationsbereitschaft gegenüber Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft und mit der Nähe zum Kunden in der Landwirtschaft ein hoch attraktives Geschäftsmodell verfolgen. Mit unseren Ergebnissen brauchen wir uns vor keinem Konkurrenten zu verstecken.

Wir sind dabei auf eine langfristig tragfähige und erfolgversprechende Geschäftsführung ausgerichtet, wie es unser erster Nachhaltigkeits-Bericht so eindrucksvoll belegt. Nachhaltigkeit, Umweltverantwortung, Ressourcenschutz, Vorsorge und gesellschaftliche Verantwortung sind Werte, die seit 152 Jahren den Erfolg dieses Unternehmens bestimmen. Ich danke allen, die diesen ersten Nachhaltigkeitsbericht erstellt haben, aber vor allem unseren Mitarbeitern, die dafür sorgen, dass wir über unsere Werte nicht nur reden, sondern danach handeln. Ein Bericht liegt für Sie am Ausgang bereit.

Mehr denn je – und gerade in Anbetracht der gegenwärtigen Krise – bin ich sicher, dass wir bei KWS auf dem richtigen Weg sind. Meine Vorstandskollegen werden ihnen jetzt ihre Ausführungen zu den einzelnen Segmenten vortragen. „Zukunft säen – seit 1856“ ist unser Motto. Das bedeutet: Wir wissen, woher wir kommen und wohin wir wollen.


Es gilt das gesprochene Wort.


16.12.2008
Philip von dem Bussche