Ausführungen von
Dr. Léon Broers
anlässlich der Hauptversammlung der KWS SAAT AG
am 17. Dezember 2009
Sehr geehrte Aktionäre, liebe Gäste,
Auch im Jahr 2009 haben unsere Züchtungsprogramme wieder Erfolge aufzuweisen. 318 Sorten sind in den verschiedenen Kulturarten zugelassen worden. Das sind fast 20 % mehr als im Vorjahr und es zeigt, dass unsere Züchtung nachhaltig eine konkurrenzfähige Produktversorgung realisiert. Alle diese Neuzüchtungen sind vor 10 Jahren entstanden auf Grund von Kreuzungen, die unsere Züchter damals mit ihrem Weitblick begonnen haben.
Den richtigen Weitblick zu haben ist entscheidend für den Erfolg eines Züchters, der es immer mit langen Entwicklungszeiten zu tun hat.
Als Charles Darwin vor 150 Jahren in seinem Buch „The Origin of Species“ die Grundzüge der Evolutionstheorie veröffentlichte, konnte er nicht ahnen, welchen Einfluss seine Beobachtungen auf die moderne Pflanzenforschung haben würden. Seine Theorie hat das Denken in der Biologie maßgeblich verändert und auf viele Gebiete der biologischen Forschung Einfluss genommen. So auch in der Pflanzenzüchtung.
Darwin deutete damals bereits an, dass Pflanzenzüchtung ein beschleunigter, evolutionärer Prozess ist, in dem der Mensch bestimmend ist: Welche Pflanze wird gekreuzt, welche Nachkommen werden selektiert, welche Eigenschaften sind für eine Sorte wichtig zum Überleben in der Landwirtschaft? KWS war damals gerade 3 Jahre alt!
Seitdem hat die Pflanzenzüchtung sich gewaltig entwickelt. 1866 entdeckte Gregor Mendel die Mendelschen Regeln der Vererbung von Eigenschaften. Dann folgte die Entdeckung der molekularen Basis der Vererbung im Jahr 1953 durch Watson und Crick, die als Basis für die moderne Biotechnologie gilt und die in der Pflanzenzüchtung zu dramatischen Änderungen geführt hat.
KWS hatte seit Anfang der 70-er Jahre die Biotechnologie im Auge und 1984 wurde beschlossen, in diese neue, vielversprechende Technologie stärker zu investieren: PLANTA wurde gegründet. PLANTA sollte die Implementierung und Weiterentwicklung der Biotechnologie vorantreiben. Seitdem hat sich Biotechnologie rasant weiter entwickelt und hat zur Optimierung und Beschleunigung der Züchtung geführt. Im Jahr 1999, als unsere Züchter die Basis legten für den heutigen Erfolg, wurde dass Biotechnikum eröffnet, das einen Quantensprung für die biotechnologische Forschung der KWS bedeutete.
Zugleich wurde GABI gegründet, das vom BMBF geförderte Pflanzengenomforschungsvorhaben, in dem Privatwirtschaft und öffentliche Forschung beispielhaft zusammenarbeiten. Die KWS hat bei der Gründung eine entscheidende Rolle gespielt und zeigte damit ihr enormes Engagement, um ein international konkurrenzfähiges Forschungsumfeld in Deutschland zu entwickeln. KWS hat damit nie aufgehört, weil wir überzeugt sind, dass hochrangige Forschung am Standort Deutschland essentiell ist für die Weiterentwicklung und den Erfolg der KWS.
Das jüngste Beispiel dieses Engagements ist SYNBREED, ein über 5 Jahre von BMBF gefördertes Vorhaben von 12 Mio €, bei dem KWS als einziger Pflanzenzüchter vertreten ist. Im Mittelpunkt der Forschung steht die Entwicklung optimierter Züchtungsstrategien zur Beschleunigung des züchterischen Fortschritts.
Seit der Gründung der PLANTA hat die biotechnologische Forschung sich innerhalb der KWS zu einem hoch-technologischen Arbeitsgebiet entwickelt, das sowohl intern als auch extern sehr gut vernetzt ist. Ohne Biotechnologie ist unsere Züchtung heute undenkbar.
Die biotechnologischen Entwicklungen gehen immer schneller. Vor ein paar Wochen wurde veröffentlicht, dass das Erbgut des Mais entschlüsselt ist. Auf Basis der amerikanischen Maissorte B73 hat sich herausgestellt, dass die 10 Chromosomen des Maisgenoms insgesamt 32.000 Gene enthalten, die aus über 2 Milliarden Bausteinen oder Nukleotiden aufgebaut sind. Damit hat der Mais eine ähnliche Größe wie das menschliche Genom.
Mit der Entschlüsselung des Erbguts öffnen sich neue Möglichkeiten, die zu einer Revolution in der Genetik und Züchtungsforschung führen werden. Daraus werden wir sicherlich neue Erkenntnisse erhalten, die wir zur weiteren Optimierung in der Züchtung anwenden können. Wir bereiten uns darauf vor und stellen die Weichen dafür richtig.
Wir werden also weiter in die Biotechnologie investieren, aber nicht nur dort. Die Balance zwischen Forschung und Züchtung muss gewährleistet werden, weil es weiterhin unser wichtigstes Ziel ist, neue Hochleistungssorten zu entwickeln.
Im Geschäftsjahr 08/09 hat es ein weiteres Wachstum im F&E Bereich gegeben. Mit einem Budget von ca. 90 Mio € haben wir im Vergleich zum Vorjahr 9 Mio € beziehungsweise 12 % mehr ausgegeben. Das hängt mit einem erheblichen Ausbau unseres Personals und einer Erweiterung der Infrastruktur zusammen. Obwohl dies mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden war, haben wir den wesentlichen Ausbau beim Personal geschafft. Am schwierigsten war es, die Stellen der Züchter zu besetzen, weil nur noch wenige Studenten dieses Fachgebiet wählen. Das hat dazu geführt, dass wir in diesem Jahr die KWS-eigene Plant Breeders’ Academy gegründet haben. Dort werden wir junge Akademiker zu praktischen Züchtern ausbilden, die dann später in Züchtungs- oder Forschungsprogrammen arbeiten können.
Als Folge des Wachstums wurden auch zwei große Bauvorhaben in Einbeck initiiert: Das neue Bürogebäude BIG und das neue Gewächshaus LEO.
Sie stehen für ein Investitionsvolumen von ca. 20 Mio €. Beide Bauvorhaben sind Ihnen bei der Anfahrt zur HV sicherlich sofort aufgefallen.
Das Bürogebäude wird in der nächsten Woche fertig gestellt, damit wir zwischen Weihnachten und Neujahr umziehen können. Im Frühjahr wird wie geplant die ausgebaute GH-Fläche funktionsfähig sein. LEO ist übrigens mit 6.800 m² der größte Gewächshauskomplex, der je in der Geschichte der KWS gebaut wurde.
Neu ist auch, dass wir wieder mit der Kartoffelzüchtung angefangen haben. Zusammen mit van Rijn ist am 1. Juli 2008 ein Joint Venture gegründet worden, in dem sich die Erfahrungen von van Rijn in der Kartoffelzüchtung und auf den Märkten mit den modernen Züchtungsmethoden, dem Know-how in der Biotechnologie und mit der Vertriebsstärke der KWS verbinden. Unser Ziel ist es, einer der wichtigsten Kartoffelzüchter in Europa zu werden. Dazu wird die Züchtung ausgedehnt und beschleunigt, und es werden neue Produktionskonzepte entwickelt. Erste Schritte dazu wurden erfolgreich umgesetzt: Die Basis für einen Winterzuchtgarten in Chile wurde gelegt, die Genpools werden entscheidend ausgedehnt und im Bereich Biotechnologie sind erste Weichen gestellt worden.
Weitere Wachstumsfelder im Züchtungsbereich lagen im Ausbau der Energiehirsezüchtung und im Ausbau in Osteuropa mit einer neuen, kulturart-übergreifenden Station in Lipetzk, Russland. In der Forschung waren der Ausbau der gentechnischen Forschung und die Molekularforschung die Kernthemen.
Auch im laufenden Geschäftsjahr werden wir Forschung und Entwicklung weiter ausbauen. Erneut wird sich das F&E-Budget um weitere 10 Mio € erhöhen. Neue Zuchtprogramme für frühen Mais werden in Rumänien und in Osteuropa aufgebaut. Beim Getreide werden wir die molekulare Züchtung stärker in den Vordergrund stellen und - wo möglich - ausbauen. Bioinformatik wird für die KWS an Bedeutung zunehmen. Wir werden hier nächstes Jahr die Weichen für eine erfolgreiche Weiterentwicklung stellen. Die gentechnische Forschung und molekulare Forschung werden wie geplant ausgebaut. Die Identifizierung und Akquisition von neuen Basistechnologien ist ein wesentlicher Baustein unserer F&E-Strategie geworden, die wir gezielter angehen wollen. Dazu wurde letztes Jahr die Abteilung Technology Management gegründet und in diesem Jahr ausgebaut.
Liebe Gäste, wie Sie hören, haben wir viel vor in Forschung und Entwicklung. Neue Weichen werden gestellt, um technologische Fortschritte zu nutzen, Zuchtprogramme werden weiter ausgebaut und wir bauen neue Zuchtprogramme in neuen Märkten auf. Wir sind zuversichtlich, dass mit diesen strategischen Investitionen eine sichere Zukunft für die KWS gesät und gewährleistet wird. Für uns Züchter und Forscher gilt das Motto „wer nicht investiert, verliert“!
Ich danke Ihnen allen für ihre Aufmerksamkeit.
Es gilt das gesprochene Wort.
17.12.2009
Léon Broers