Ausführungen von
Dr. Dr. h.c. Andreas J. Büchting
Sprecher des Vorstands der KWS SAAT AG
anlässlich der KWS Hauptversammlung am 18. Januar 2006
Verehrte Aktionäre und Gäste der KWS,
meine Damen und Herren,
I. Wenn wir heute 150 Jahre zurückblicken, dann gab es damals einen klugen Sämann namens Matthias Christian Rabbethge, der den Keim legte für den Lebensbaum KWS. Matthias Christian Rabbethge war 1804 als Sohn eines kleinen Landwirts geboren worden und arbeitete sich dann peu à peu als tüchtiger Landwirt in immer größere Betriebe hinein.
1847 siedelte er von dem benachbarten Dreileben, wo er 200 Morgen gepachtet hatte, nach Klein Wanzleben, wo seit 1838 eine kleine Zuckerfabrik arbeitete (sie wurde dort Rübenquetsche genannt), und aus den heimischen Runkelrüben das bisschen Zucker extrahierte.
Ich werde Ihnen jetzt hier nicht die Geschichte der KWS vortragen, aber ich darf Sie noch einmal an den Beginn unseres Familienunternehmens erinnern. Es war seinerzeit beileibe keine ausgemachte Sache, dass die Rübenproduktion in Europa und insbesondere in der Magdeburger Börde eine positive Zukunft haben würde. Die Kontinentalsperre war bekanntlich nach ein paar Jahren wieder aufgehoben worden und der Rübenanbau mit den wenig zuckerreichen Rüben war alles andere als rentabel.
Da bedurfte es schon eines Unternehmers wie Matthias Christian Rabbethge, der unbeirrt alle Aktien an der Zuckerfabrik Klein Wanzleben nach und nach in seinen Besitz brachte und dann 1856 seinen 70prozentigen Anteil mit der Familie Giesecke teilte, indem sie gemeinsam eine Offene Handelsgesellschaft gründeten. Gieseckes waren auch Landwirte auf der Domäne Salbke und der junge Julius Giesecke war Inspektor beim alten Rabbethge, um von diesem unternehmerischen Landwirt zu lernen – wobei er sich unsterblich in dessen Tochter Marie Elisabeth Dorothee verliebte und sie zwei Jahre später heiratete. 1856 hatte er aber schon seinen Vater überzeugt, sich an den Rabbethgeschen Unternehmungen zu beteiligen, und dies war aus heutiger Sicht der Beginn unserer Familiengesellschaft und damit die Gründung der KWS SAAT AG.
II. Verehrte Aktionäre der KWS,
seitdem sind 150 Jahre vergangen. Das ist ein guter Anlass, ein Buch schreiben zu lassen oder einen Jubiläumsfilm zu drehen. Letzteres haben wir gemacht nach dem Motto: „Tradition ist nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme“. Es ist ein Film über KWS geworden, in dem die Firmengeschichte von heutigen Mitarbeitern erzählt und beleuchtet wird, auch anhand von historischem Filmmaterial aus den 20er- und 30er Jahren. Dieser 20-minütige Film wird Ihnen heute Nachmittag ab 14 Uhr zu jeder halben Stunde hier in diesen Räumen vorgeführt. Und damit Sie schon einmal einen kleinen Eindruck vom Film bekommen, führen wir Ihnen jetzt eine Kurzfassung von 5 Minuten vor.
III. Meine Damen und Herren, heute steht KWS als Solitär unter den weltweit führenden Züchtungsunternehmen da: Unsere Wettbewerber sind im Gegensatz zu uns keine Saatgutspezialisten, sondern haben – zumindest was die großen Drei angeht – noch umfangreiche Aktivitäten auf dem Sektor des Pflanzenschutzes, also der Agrarchemie.
Unsere Eigenständigkeit wird auch von unseren Kunden als eine wichtige Eigenschaft wahrgenommen. Als unabhängiger Saatgutspezialist konzentriert sich KWS als sogenannter Full-Liner auf Saatgut leistungsstarker Sorten der wichtigen Nutzpflanzenarten, die wir mittlerweile in rund 70 Ländern weltweit mit Erfolg vertreiben.
Auch am Kapitalmarkt werden wir als interessanter Spezialwert wahrgenommen. Das wurden wir bekanntlich bereits in den 50er- und 60er Jahren unter dem schönen Begriff „Kleine Wanze“, eine Zeit, die vor allem unser heutiger Ehrenvorsitzender wesentlich geprägt hat. Die KWS Aktie wird heute noch immer überwiegend von Aktionärsfamilien gehalten, auch wenn es zwischen den Familien vor über 10 Jahren einen Wechsel gegeben hat. Seit letztem Jahr sind darüber hinaus ein rundes Drittel unserer Aktien am Kapital¬markt, der seine eigenen Gesetze hat.
Daran haben wir uns insofern etwas gewöhnt, als unser Finanzvorstand jetzt in regelmäßigen Abständen zu einem Beauty Contest darf, um sich von den allmächtigen Analysten den Puls fühlen zu lassen oder etwas professioneller ausgedrückt: KWS veröffentlicht seit kurzem nicht mehr nur die halbjährlichen Aktionärsbriefe, sondern richtige Quartalsberichte, die natürlich wegen unseres Saisongeschäfts auch nur für den Fachmann halbwegs aussagefähig sind. Neben diesen Maßnahmen zur Pflege des Kapitalmarktes schlagen Vorstand und Aufsichtsrat Ihnen vor, die KWS Aktie im Verhältnis 1 : 10 zu splitten, um sie für den Handel leichter zu machen. Wir wollen dazu zunächst das Aktienkapital von 17 auf 19,8 Mio € aus Gesellschaftsmitteln erhöhen und dann dieses Kapital in 6,6 Mio Aktien splitten, ohne jedoch die Aktien physisch neu drucken zu lassen. Dieses Gesamtpaket wird Ihnen unter Tagesordnungspunkt 5 zur Abstimmung vorgelegt werden.
IV. Wesentliche Entwicklungen der KWS
Verehrte Aktionäre, wo steht KWS heute? Hinter uns liegt ein Geschäftsjahr, wie man es sich zum Jubiläum wünscht. In sämtlichen Segmenten der KWS sind außerordentliche Erfolge gelungen:
• Das gilt fürs Segment Zuckerrüben aufgrund noch weiter gewachsener Marktanteile in sehr umkämpften Märkten. Ergebnis ist ein erneut gesteigertes Umsatzhoch mit 218 Mio €.
• Exakt den gleichen Umsatz erreichte unser Segment Mais mit einer noch stärkeren Wachstumsrate, nämlich 14 %. Sie können sich sicherlich vorstellen, dass es in der KWS Gruppe eine Vielzahl von Wetten gab, dass der Mais erstmals die Zuckerrübe im Umsatz überrunden würde. Trotz aller gegenteiligen Prognosen ist es dann dem Zuckerrüben-Team gelungen, mit einem Wimpernschlag vor dem Mais durchs Ziel zu gehen. Sie werden sich gewiss vorstellen können, dass dies für unsere durch die ZMO gebeutelte Zuckerrüben-Mannschaft eine große Genugtuung war. Und wir alle können durchaus ein wenig stolz sein auf diesen sportlichen Wettkampf innerhalb der KWS.
• Das Segment Getreide, um auch hier nur ein Schlaglicht zu nennen, hat es nach Jahrzehnten geschafft, wieder eindeutig Marktführer in Deutschland bei der wichtigsten Fruchtart unserer Klimazone zu werden, im Winterweizen mit rd. 30 % Marktanteil. Nicht genug, durch die systematische Europäisierung unserer Getreide-Aktivitäten ist Lochow-Petkus erstmals auch in Europa von der Vermehrungsfläche her die Nummer 1: Auf fast 100 Tha wurden Sorten von Lochow-Petkus in Europa vermehrt, dass heißt für den späteren Verkauf erzeugt.
V. Meine Damen und Herren, wie Sie wissen, haben wir noch ein viertes Segment, das durch unsere Aktivitäten für Forschung und Züchtung geprägt ist. Dieses Segment profitierte aufgrund seiner Lizenzeinnahmen natürlich von der positiven Umsatzentwicklung der genannten Produktsegmente. Forschung und Entwicklung ist zwar kein allein stehendes Merkmal Ihrer KWS im Wettbewerb, aber eine wesentliche Stärke. Produktentwicklungszyklen von 10 Jahren und mehr sind jedes Jahr wieder eine große Herausforderung an unseren sehr komplexen Planungsprozess und manches lässt sich eben auch nicht planen. Dazu gehört auch die Marktdurchdringung unserer neuen gentechnisch verbesserten Sorten in Europa.
Sie wissen, dass der seinerzeitige Bundeskanzler Gerhard Schröder im Sommer 2000 bei der KWS eine Initiative angekündigt hatte, mit der die neuen Sortenprodukte in der Praxis ausprobiert werden sollten. Die von ihm propagierte Wahlfreiheit für den Verbraucher und auch für den Landwirt trat dann jedoch nicht ein, weil die rot-grüne Regierung zurückruderte. Nun steht im neuen Regierungsprogramm, dass auch die Grüne Bio- und Gentechnik gefördert werden soll, und es gibt erste Ansätze der neuen Bundesregierung in diese Richtung. Ich muss Ihre Erwartung jedoch dämpfen, wenn Sie jetzt erwarten, dass sich dadurch schon kurzfristig für KWS nennenswerte Absatzchancen in Europa ergeben würden. Es wird mit kleinen Schritten in Deutschland und in Europa weitergehen.
Größere Schritte lassen sich im gelobten Land des technischen Fortschritts erwarten, nämlich in den Vereinigten Staaten von Amerika. Dort hat eine innovative KWS Zuckerrübensorte, die dem Landwirt im Unkrautmanagement hilft, bereits die Hürden der offiziellen Zulassungsbehörden FDA und EPA genommen und steht voraussichtlich in zwei Jahren – also im Frühjahr 2007 – zur Vermarktung an. Dieses Produkt wäre auch für Europa ausgesprochen interessant, da sich hier allein durch die geänderte Zuckermarktordnung ein erheblicher Wettbewerbsdruck für die Landwirte ergeben wird, der dann durch solche neuen Sorten reduziert werden könnte.
Über diese Roundup Ready-Zuckerrübe der KWS wird Ihnen mein Vorstandskollege Philip von dem Bussche hoffentlich in den nächsten Jahren Gutes berichten können. Und ich bin sicher: Eines Tages erreichen wir in Europa den sogenannten Tipping Point, wenn nämlich die große Sogwirkung einsetzt. Wir werden’s erleben!
Meine Damen und Herren, soviel zu dem Aspekt Forschung und Entwicklung, der sich erneut für Ihre KWS sehr positiv entwickelt hat. In dem Segment „Züchtung und Dienstleistungen“ sind ansonsten noch die Centralen Servicefunktionen zusammengefasst, die aber nur innerbetriebliche Leistungsverrechnung erbringen und keine Erträge. Eine Ausnahme macht die Aktivität der KWS auf dem Sektor Pflanz- und Speisekartoffeln, nämlich unsere 45prozentige Beteiligung an der SAKA-RAGIS in Hamburg. Dazu sei nur kurz erwähnt, dass Sie alle für Ihre Haushalte im vergangenen Jahr so billig wie noch nie haben Kartoffeln kaufen können, und dieses ruinöse Preisniveau hat sich auch bei den Pflanzkartoffeln niedergeschlagen. Auch die Exportmärkte konnten diese desaströse Marktlage nicht kompensieren, so dass unser Pflanzkartoffelgeschäft mit einer roten Null abgeschlossen hat. Demgegenüber haben sich die Aktivitäten unserer Gruppe für den Lebensmitteleinzelhandel – die sogenannten Abpackbetriebe der Böhmer-Gruppe – durchaus positiv behaupten können, so dass unsere Beteiligung im Geschäftsbereich Kartoffeln unter dem Strich noch ein positives Ergebnis erwirtschaften konnte.
VI. Mitarbeiter
Meine Damen und Herren, lassen Sie mich noch ein Wort zur Mannschaft der KWS, unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, sagen. Sie sind das wichtigste Kapital unseres Unternehmens. Die Expansion insbesondere in den letzten zwei Jahrzehnten hat dazu geführt, dass heute nahezu zwei Drittel aller KWS Mitarbeiter im Ausland tätig sind. Bitte verstehen Sie mich recht: KWS steht positiv zum Standort Deutschland und wir tun alles, um die hier bestehenden Arbeitsplätze zu erhalten. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass ein Großteil unserer ausländischen Kolleginnen und Kollegen unsere Einbecker Gehälter verdienen. Nur weil der Vertrieb auch im Ausland Umsatz macht, brauchen wir hier in Einbeck diese Anzahl von Mitarbeitern, z. B. in der Produktion und Verwaltung.
Wir fordern und fördern in zunehmendem Maße Kreativität, Mut, Flexibilität, neue Ideen und ein „selbstständiges Mitdenken“ von unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Wir sind überzeugt, dass unser Erfolg von einer guten Mischung aus ständiger Erneuerung und verlässlicher Kontinuität abhängt. Insofern sind eine hohe Ausbildungsquote von fast 10 % und das Einfordern einer stetigen Weiterbildung eines jeden Einzelnen für uns selbstverständlich.
Auf der anderen Seite gehört es zur Unternehmensphilosophie der KWS, Mitarbeiter am wirtschaftlichen Erfolg zu beteiligen. So wurde beim letzten Tarifabschluss vereinbart, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einen jährlichen Bonus erhalten, der direkt an die Dividendenhöhe gekoppelt ist. Mit Weihnachts- und Urlaubsgeld kommen die Mitarbeiter der KWS SAAT AG damit in diesem Jahr – vorbehaltlich der Beschlüsse dieser Hauptversammlung – auf ein Jahreseinkommen von 14,25 Monatsgehältern. Dies ist ein Niveau, was keinen Vergleich mit anderen guten Unternehmen zu scheuen braucht. Und wir wollen alles tun, um dieses Niveau in Zukunft halten zu können. Und dies wiederum geht nur mit voll engagierten und motivierten Mitarbeitern, die KWS in hohem Maße hat und denen ich an dieser Stelle, sicher auch in Ihrem Namen, herzlichen Dank aussprechen möchte.
VII. Gesamtwürdigung
Meine Damen und Herren, damit sind wir bei dem Dividendenvorschlag für das Geschäftsjahr 2004/05. Sie haben gelesen, dass wir Ihnen eine Dividende von 12 € pro Stückaktie vorschlagen, womit wir der gestiegenen Ertragskraft Rechnung tragen. Nach drei Jahren mit einer konstanten Dividende von 11 € gibt es nun einen Zuschlag, der nicht als Jubiläumsbonus ausgewiesen wird, sondern der direkt in die Dividende integriert ist.
Daraus können und dürfen Sie gern auch schließen, dass wir es aus heutiger Sicht für machbar halten, auch im laufenden Geschäftsjahr Ihnen einen erneut akzeptablen Abschluss vorlegen zu können. Die Marktgegebenheiten werden sich zwar insbesondere für unser Segment Zuckerrüben nicht zum Positiven verändern, aber wir haben einige Maßnahmen eingeleitet, über die meine Kollegen noch berichten werden. Insgesamt rechnen wir damit, unser Geschäftsvolumen weiter leicht steigern zu können bei allerdings deutlichem Druck auf das Ergebnis, welches indes die gute Höhe dieses Jahres nicht wieder ganz wird erreichen können.
Dafür haben wir eine andere gute Nachricht für Sie: Es soll im Jubiläumsjahr 2006 für Sie zweimal eine Dividende geben. Dies ist nun keine besondere Jubiläumsmaßnahme, sondern trägt der Tatsache Rechnung, dass wir aufgrund unserer stärkeren Öffnung zum Kapitalmarkt auch engere Termine im Jahresabschluss und dadurch in der Anberaumung der Hauptversammlung berücksichtigen müssen und wollen. Die gesamte Abschlusserstellung wird deshalb in Zukunft um rund vier Wochen verkürzt, so dass die nächste Hauptversammlung bereits Mitte Dezember stattfinden kann, genau genommen am 14. Dezember 2006. Und mit diesem Ausblick möchte ich schließen.
Andreas J. Büchting
18. Januar 2006