Ausführungen von
Philip von dem Bussche
Vorstand der KWS SAAT AG
anlässlich der KWS Hauptversammlung am 18. Januar 2006
Sehr verehrte Damen und Herren,
nachdem Herr Büchting so eindrucksvoll die Wurzeln und die 150-jährige Geschichte des Unternehmens KWS dargestellt hat, möchte ich meine Erläuterungen zum Segment Zuckerrüben mit einer kurzen persönlichen Vorstellung beginnen:
Nach einer landwirtschaftlichen Lehre und einem Studium der Betriebswirtschaft bewirtschafte ich seit 1976 den elterlichen Landwirtschaftsbetrieb, der sich seit vielen Generationen im Familienbesitz befindet. Dort liegen die Schwerpunkte in den Bereichen Ackerbau und Schweinehaltung.
Seit 1990 bewirtschaften wir darüber hinaus einen Betrieb in Sachsen, der sich auf den Anbau von Getreide, Raps und Zuckerrüben konzentriert.
Von 1997 an war ich für 9 Jahre Präsident der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft (DLG), die sich seit 120 Jahren mit Ausstellungen, Prüfungen und Facharbeit beschäftigt. Dieses Amt habe ich nach drei Wahlperioden in der vergangenen Woche an meinen Nachfolger übergeben.
Der KWS war ich für 5 Jahre bis zum 30.09. 2005 als Aufsichtsratsmitglied verbunden. In dieser Zeit habe ich dieses Unternehmen neu kennen- und schätzen gelernt, wie ich es – aus anderer Perspektive – zuvor schon als langjähriger Saatgutkunde getan habe. Die Unabhängigkeit eines weltweit führenden Saatgutspezialisten, der sich nach wie vor mehrheitlich im Familienbesitz befindet, aber sich gleichzeitig auf dem Kapitalmarkt behauptet, verbindet für mich auf vorbildliche Weise Tradition mit Fortschritt. Das ist ein hoher Wert, der sich auch in einem hervorragenden Image bei den landwirtschaftlichen Kunden niederschlägt.
Eine besondere Herausforderung wird es sein, das völlig neue Umfeld der reformierten Zuckermarktordnung zukunftsorientiert zu bearbeiten. Darauf werde ich im zweiten Teil meiner Ausführungen näher eingehen.
Mein Bericht über das Segment Zuckerrüben bezieht sich zunächst auf das Wirtschaftsjahr 2004/05, das noch von meinem Vorgänger, Dr. Christopher Ahrens, als Vorstand verantwortet wurde. Es war ein besonders gutes Jahr für die KWS und stand noch unter den Vorzeichen der alten Zuckermarktordnung. Es hat sich wieder erwiesen, mit welcher Kompetenz und mit welchem Engagement unsere Mannschaft auf allen Märkten agiert. Das wird auch in den vor uns liegenden Jahren eine gute Erfolgsbasis schaffen. An dieser Stelle möchte ich meinem Vorgänger Dr. Ahrens ausdrücklich danken und zu dem guten Abschiedsergebnis gratulieren.
Der Segment-Umsatz erreichte mit 218 Mio € einen Spitzenwert. Das Betriebsergebnis im Segment konnte mit 31 Mio € trotz erheblicher Abwertungen auf hohem Niveau gehalten werden.
Dazu haben viele Faktoren beigetragen; u.a.:
Der Marktanteil in Deutschland konnte auf fast 60 % gesteigert werden. Die ertragreichen und qualitativ hochwertigen Sorten der KWS Züchtung erfreuen sich höchster Wertschätzung bei den deutschen Landwirten.
In Frankreich wurde ein Marktanteil von ca. 34 % und damit oberhalb der Planung realisiert, obwohl sich im dortigen Markt die Sorten des Wettbewerbers Advanta mit guten Ergebnissen profilieren konnten. Mittlerweile wurde die Zuckerrübensparte der ehemaligen Advanta-Gruppe an den französischen Züchter Desprez verkauft und gewinnt damit in Frankreich eine stärkere Position.
In Großbritannien und Dänemark lagen die Umsätze deutlich über der Planung und dem Vorjahr.
In Italien konnte die KWS von Flächenausdehnungen profitieren und in Spanien Marktanteilszuwächse realisieren.
Der Markt in Polen entwickelte sich positiv, weil die leistungsfähigen Sorten der westlichen Züchterhäuser den lokalen Sorten deutlich überlegen sind.
In Osteuropa gab es wieder ein erhebliches Umsatzwachstum in der Russischen Föderation, insbesondere in der Republik Tartastan. Im Gegensatz dazu kam das Geschäft mit der Ukraine nahezu zum Erliegen, weil die dortige Regierung mit prohibitiv hohen Zollsätzen die Importe behindert.
Unsere amerikanische Tochtergesellschaft Betaseed konnte dank guter Sortenleistungen ihren hohen Marktanteil verteidigen.
In der Vermehrung und Produktion gab es zum zweiten Mal nacheinander eine sehr hohe Ernte mit überdurchschnittlichen Ausbeuten. Dadurch kam es zu einem Bestandsaufbau, der zu erheblichen Abwertungen führte.Hohe Ernten lösen also nicht nur Freude aus, denn das entstehende Überangebot lässt sich nicht immer vermarkten.
Alles in allem war also das abgelaufene Wirtschaftsjahr für das Segment Zuckerrüben sehr erfolgreich. Damit komme ich zum laufenden Geschäftsjahr, das unter einem völlig neuen Stern steht. Sicher haben Sie alle in den letzten Monaten verfolgen können, dass die Reform der Zuckermarktordnung heiß diskutiert und Ende November des Jahres 2005 endgültig beschlossen wurde.
Kern der neuen Beschlüsse ist eine Senkung der Zuckerrübenpreise in vier Jahren um ca. 40 % von zurzeit etwa 44 € auf 26 € pro Tonne. Den Landwirten wird zur Kompensation eine entkopppelte Direktzahlung in Höhe von 64 % der Preissenkung gewährt. Durch ein Restrukturierungsprogramm soll der Zuckerindustrie ein Ausstieg in benachteiligten Regionen schmackhaft gemacht werden, um die nötige Mengenreduzierung von bis zu 40 % der Zuckererzeugung auf freiwilligem Wege zu realisieren. Die Mengenrückführung ist im Wesentlichen den Regelungen der WTO und der Marktöffnung gegenüber den ärmsten Entwicklungsländern geschuldet.
Im Zuge der politischen Kompromisse ist allerdings zugestanden worden, dass in den nächsten Jahren auch benachteiligte Regionen der EU ca. 50 % ihrer Zuckererzeugung aufrecht erhalten können, da hierfür zusätzliche Kompensationen für die Landwirte gezahlt werden.
In der Konsequenz wird sich mittelfristig der Anbau auf die günstigen Lagen in Mitteleuropa konzentrieren, weil nur dort zu einem Preis von 26 € je Tonne wettbewerbsfähig produziert werden kann. Insofern wird der Anbau in Frankreich, Deutschland, Benelux, Großbritannien und Polen vermutlich stabil bleiben, während er im hohen Norden und im tiefen Süden der EU stark rückläufig sein und in wenigen Jahren gegen Null tendieren wird. Da es für die sogenannten C-Rüben kein Exportventil mehr geben wird, werden die Anbauer außerdem ihre Flächen vorsichtiger als bisher kalkulieren.
Für KWS bedeutet dies, dass wir im laufenden Jahr 2005/06 mit einem Flächen-Rückgang von etwa 20 % rechnen. In den Folgejahren wird es zu weiteren Flächenrückgängen innerhalb der EU kommen. Da wir zurzeit etwa 60 % unseres Umsatzes in der EU erzielen, wird dieser Rückgang direkt auf die Ergebnisse der kommenden Jahre durchschlagen. Erfreulich ist aber, dass unser Umsatz außerhalb der EU weiter wächst.
Um den Markt für Zuckerrüben gegenüber der Konkurrenz durch das Zuckerrohr weiter zu stärken, muss der Produktivitätsfortschritt der Zuckerrübe weiterhin gestärkt werden. Bisher betrug der Ertragsfortschritt etwa 2 % pro Jahr, der im Wesentlichen auf das Saatgut zurückzuführen war. Schon heute gibt es einzelne Betriebe und Regionen, in denen ein Zuckerertrag von 15 Tonnen je Hektar erreicht und sogar übertroffen wird. Die Züchter der KWS haben sich vorgenommen, in wenigen Jahren die 15-Tonnen-Rübe zum realistischen Ertragsziel für eine große Zahl von Betrieben werden zu lassen. Allein durch diesen Züchtungsfortschritt kann der Landwirt in den nächsten Jahren einen erheblichen Teil des Erlösrückganges kompensieren.
Durch weitere Sortenentwicklung kann der Landwirt in Zukunft wie schon bisher wesentliche Krankheiten im Zuckerrübenanbau unter Kontrolle bringen, die in vielen Regionen ansonsten zur Aufgabe des Anbaus zwingen würden. Bei zunehmender Anbaudichte in der Nähe der Zuckerfabriken und durch die Ausdehnung des Rapsanbaus gefährden zum Beispiel die Rübennematoden massiv den Anbau. In diesem Segment hat KWS hoch überlegene Sorten entwickelt.
Dieser Züchtungsfortschritt kostet Geld, das wir auch in den nächsten Jahren in die Forschung und die Entwicklung neuer Sorten stecken wollen. Der Landwirt behält die Freiheit, zwischen einer neuen, leistungsstärkeren Sorte zum höheren Preis oder einer älteren Sorte zu einem vergleichsweise niedrigen Preis zu wählen. Nur mit dem Züchtungsfortschritt hat der Landwirt eine Chance, im verschärften Wettbewerb zu bestehen.
Der Fortschritt wird mittelfristig den Landwirten und uns Züchtern neue Einkommenschancen eröffnen. Dafür sehe ich folgende Gründe:
1. Auch außerhalb der EU gibt es große Märkte für Zuckerrübensaatgut wie etwa in Rußland, der Ukraine, den USA und der Türkei. Manche dieser Märkte sind noch stark von lokalen und nicht wettbewerbsfähigen Sorten geprägt. Hier können wir sicher noch den Absatz steigern.
2. In den USA wird es bald zum Anbau gentechnisch veränderter Rüben kommen, die Dank Roundup Ready-Technologie mit wesentlich weniger Herbizidbehandlungen auskommen. Der bisher notwendige mehrfache Einsatz von Pflanzenschutzmitteln belastet den Rübenanbau mit erheblichen Kosten. Das Konzept „Genetik statt Pflanzenschutz“ erhöht die Konkurrenzkraft der Rüben erheblich und führt damit zu höherer Wertschöpfung beim Landwirt und beim Züchter.
3. Weltweit steigt die Nachfrage nach Zucker und Energie aus Rüben erheblich an. Da Brasilien allein zurzeit diesen Bedarf nicht decken kann, sind die Preise für Zucker auf dem Weltmarkt bereits stark angestiegen. In einigen Jahren kann es auch für unsere europäischen Landwirte zu neuen Marktzugängen für Zucker und Bioethanol kommen. Diese Chancen hängen – wie schon erwähnt – maßgeblich vom Züchtungsfortschritt ab. Auch auf anderen Märkten – wie zum Beispiel beim Raps – hat es nach Jahren der Anpassungskrise aufgrund von Preissenkungen wieder neue Marktchancen gegeben.
Als für das Segment Zuckerrüben zuständiges Vorstandsmitglied bin ich der festen Überzeugung, dass wir mit Hilfe bester Produkte und einer weiterhin intensiven Forschung optimistisch in die Zukunft blicken können. Wir werden unsere Landwirte und Kunden davon überzeugen, dass nur leistungsfähige Sorten der Garant für einen erfolgreichen Zuckerrübenanbau in Europa und der Welt sind.
Philip von dem Bussche
18. Januar 2006