Deutschland Investor Relations Hauptversammlungen Hauptversammlung Dezember 2006 Ausführungen von Philip von dem Bussche

Ausführungen von

Philip von dem Bussche

Vorstand der KWS SAAT AG

anlässlich der KWS Hauptversammlung am 14. Dezember 2006


Philip von dem Bussche
Philip von dem Bussche

Sehr verehrte Damen und Herren,

in diesem Jahr haben wir in mehreren beeindruckenden Veranstaltungen an die 150-jährige Geschichte der KWS erinnert. Im Rückblick konnten wir feststellen, dass die Zuckerrübe immer eine besondere Rolle in der Unternehmensgeschichte gespielt hat. Fast siebzig Jahre stand sie von der Züchtung über den Anbau bis zur Verarbeitung im Mittelpunkt aller Aktivitäten des Unternehmens. Ab 1920 haben äußere Veränderungen durch geschichtliche Umwälzungen und durch Gelegenheiten -  heute: "opportunities" -  auf anderen Agrarmärkten unsere Vorgänger immer wieder rechtzeitig dazu bewogen, den Unternehmenszweck und die Züchtungsaktivitäten flexibel anzupassen.

Die Dynamik der Veränderung hat bis heute nicht nachgelassen. Gerade im abgelaufenen Jahr hat es einschneidende Veränderungen auf dem Zuckermarkt gegeben, die auch bei KWS Spuren hinterlassen haben:

Das Jahr 2005/2006 war das erste Wirtschaftsjahr unter den neuen Regeln der Zuckermarktreform. Die Rübenpreise werden in vier Jahren um ca. 40 % abgesenkt, und die Mengen innerhalb der EU müssen ebenfalls in diesem Zeitraum um ca. 40 % zurückgefahren werden. Die Mengenanpassung soll über den so genannten Restrukturierungsfond der EU aufgrund freiwilliger Quotenrückgaben gegen eine Ausgleichszahlung erfolgen. Sollten auf diesem marktwirtschaftlichen Weg nicht freiwillig genügend Quoten abgegeben werden, so wird die EU bis 2010 eine lineare Kürzung der Quoten vornehmen.

Aufgrund dieser Rahmenbedingungen, die sich erst im Februar 2006 konkretisierten, mussten wir zunächst von einer sehr verhaltenen Geschäftentwicklung im Wirtschaftsjahr 2005/2006 ausgehen.

Dann haben sich allerdings die äußeren Rahmenbedingungen positiver entwickelt als zunächst befürchtet. Der Weltmarktpreis für Zucker stieg zu Beginn des Jahres erheblich an und erreichte in der Spitze einen Kurs von fast 500 Dollar je Tonne Weißzucker. Gleichzeitig förderte der hohe Erdölpreis die Investitionen der europäischen Zuckerindustrie in neue Ethanolfabriken. Mittlerweile rechnen wir damit, dass in den nächsten Jahren 10 % bis 15 % der europäischen Rübenfläche für die industrielle Verwertung genutzt werden kann.

Wie haben sich nun diese Faktoren auf das Ergebnis des Segments Zuckerrüben im Jahr 2005/2006 ausgewirkt?

In der EU reduzierte sich die Zuckerrübenanbaufläche erwartungsgemäß um 20 %. Der KWS Umsatz sank hingegen nur um 17 %. Gleichzeitig konnten wir aber in den Märkten außerhalb der EU um 15 % zulegen.

Zuckerrüben werden außerhalb der EU in größerem Maßstab vor allem in Russland, der Ukraine, den USA sowie in der Türkei angebaut.

Insgesamt konnten wir so einen Segmentumsatz von 205 Mio Euro erreichen, der nur um 6 % unter dem des Jahres 2004/2005 liegt. Allerdings war es nicht zu verhindern, dass der Mais erstmals deutlich im Umsatz an der Rübe vorbeizog. Gratulation und Anerkennung für die Kollegen! Die "Königin der Feldfrüchte" regiert also nicht mehr so unumschränkt, aber Konkurrenz ist solange willkommen, wie sie aus dem eigenen Haus kommt.

Der in Relation zum Umsatzrückgang überproportionale Rückgang im Segmentergebnis von fast 20 % auf 25 Mio Euro spiegelt die Tatsache wider, dass wir mangels Planbarkeit der Auswirkungen der ZMO-Reform die Kostenstrukturen in den europäischen Märkten noch nicht anpassen konnten und unsere Züchtungsaufwendungen bewusst nicht zurückgefahren haben. Darüber hinaus sind in diesem Ergebnis überdurchschnittlich hohe Abwertungen und Vernichtungen von Beständen enthalten, die auf die außerordentlich guten Saatguternten in 2004 und 2005 zurückzuführen waren.

Ich möchte jetzt auf einige Märkte gesondert eingehen, um den Umsatzverlauf des Jahres 2005/2006 etwas genauer aufzuschlüsseln:

In Deutschland haben wir – wie geplant – etwa 16 % weniger Umsatz realisiert, weil die Anbauflächen entsprechend zurückgegangen sind. Nach wie vor erfreuen sich die Qualitätssorten der KWS höchster Beliebtheit bei den deutschen Landwirten und erreichen mit fast 60 % Marktanteil wieder den Spitzenplatz.

In Frankreich ging die Fläche aufgrund höherer Industrierüben-Anteile deutlich weniger zurück als in Deutschland. Bei leichten Marktanteilsgewinnen, insbesondere im Bereich der Nematodentoleranten Sorten, konnten wir den Vorjahresumsatz in Frankreich sogar leicht übertreffen.

In Nord- und Mitteleuropa gingen die Flächen deutlich zurück, so dass wir in diesen Regionen deutliche Umsatzverluste gegenüber dem Vorjahr hinnehmen mussten.

Mit über 50 % war der Flächenrückgang in Südeuropa besonders stark. Dort hat die Zuckerindustrie bereits im ersten Reformjahr Quoten in größerem Umfang an die EU verkauft. Dies schlug natürlich voll aufunseren Umsatz in dieser Region durch.

Außerhalb der EU liegt der derzeit interessanteste Wachstumsmarkt in Osteuropa

Während wir in der Russischen Föderation wieder deutlich im Umsatz zulegen konnten, sind die ukrainischen Landwirte immer noch durch extrem hohe Einfuhrzölle vom genetischen Fortschritt weitgehend abgeschnitten. Per Saldo konnte in Osteuropa dennoch ein Umsatzwachstum von gut 30 % realisiert werden.

In den USA hat sich unsere Tochtergesellschaft Betaseed gut geschlagen. Mit einem Marktanteil oberhalb von 60 % und einem günstigen, stärker als erwarteten, Dollarkurs konnte der Vorjahresumsatz leicht übertroffen werden.

In der Vermehrung und Produktion gab es aufgrund überdurchschnittlich hoher Ernten und Ausbeuten einen deutlichen Bestandsaufbau, der durch höhere Saatgutvernichtungen und Abwertungen das Ergebnis belastet hat.

Zusammengefasst lässt sich also feststellen, dass das Segment Zuckerrüben im ersten Jahr der ZMO-Reform hart getroffen wurde, aber dass wir letztlich besser als erwartet abgeschnitten haben, was im Wesentlichen auf das außerordentliche Wachstum außerhalb der EU zurückzuführen ist. Im laufenden Jahr werden wir unsere Kostenstruktur der Umsatzentwicklung anzupassen haben.

Damit komme ich zu einem Ausblick auf das Geschäftsjahr 2006/2007, soweit dazu schon belastbare Annahmen vorliegen:

Die EU hat in diesem Jahr nur eine knapp durchschnittliche Ernte eingefahren. Die Lagerbestände an Zucker sind stark reduziert worden. Allerdings kann uns noch eine Quotenkürzung drohen, wenn nicht mehr Quoten in den Restrukturierungsfonds der EU abgegeben werden als bisher. Damit sind im laufenden Jahr weitere Flächenrücknahmen zu erwarten, zumal ab 2008/2009 die Restrukturierungsprämie von aktuell 730 Euro pro Tonne Zucker auf 625 Euro abgesenkt wird. Wer also ausstiegswillig ist, wird dies vermutlich im laufenden Jahr realisieren.

Im Rahmen des Restrukturierungsfonds sehen wir in den Kernländern Deutschland und Frankreich eher geringe Flächeneinbußen, dafür aber deutliche Rücknahmen in Süd-, Mittel- und Südosteuropa.

Ein starker Umsatzrückgang steht uns in der Türkei bevor, weil dort im Zuge der Privatisierung der staatlichen Zuckerindustrie ein erheblicher Lagerbestand an Saatgut aus dem letzten Jahr abgebaut werden muss. Bislang hatte die Zuckerindustrie die Saatgutproduktion in Eigenregie auf Lizenzbasis durchgeführt. Nach der Bestandsbereinigung wird die Saatgutproduktion – wie in anderen Märkten üblich – künftig bei den Züchtern liegen. Es handelt sich somit um einen einmaligen Effekt, der im laufenden Jahr einen wesentlichen Grund für den Rückgang im Umsatz des Segmentes darstellt.

Eine Ergebnisbelastung erwarten wir auch in den USA, weil uns dort der aktuell schwache Dollarkurs treffen wird.

Insgesamt erwarten wir im laufenden Jahr einen weiteren Umsatzrückgang des Segmentes Zuckerrüben um ca. 10 %, den wir aber auf der
Ergebnisseite weitgehend auffangen wollen. Neben einer deutlich verminderten Saatgutproduktion sind bereits strukturelle Anpassungen bei Vertriebs- und Verwaltungskosten eingeleitet worden.

Unsere Aufwendungen für Forschung und Züchtung werden wir allerdings auf hohem Niveau fortsetzen, um für die nächsten Jahre einen weiteren Produktivitätsfortschritt der Landwirte sicherzustellen. Die 15-Tonnen-Rübe ist weiterhin ein ehrgeiziges aber realistisches Ziel für eine wachsende Zahl von europäischen Landwirten und damit die wichtigste Voraussetzung für die notwendige internationale Wettbewerbsfähigkeit. Die erforderliche Senkung der Stückkosten in der Wertschöpfungskette Zucker setzt einen permanenten Züchtungsfortschritt voraus. Diese hohe Wertschöpfung für die Landwirtschaft muss durch angemessene Saatgutpreise abgesichert werden. Der genetische Fortschritt und der Einsatz moderner Technologien ist die wichtigste Überlebensgarantie für den Zuckerrübenanbau in Europa und im Rest der Welt.

In diesem Zusammenhang setzen wir auch auf den Einsatz der Biotechnologie. Neben den modernen Züchtungsmethoden, die auch in Europa unangefochten sind – wie Genomforschung oder Markertechnologie – setzen wir gerade bei der Zuckerrübe auf den Fortschritt in der Grünen Gentechnik. Die Markteinführung der Roundup Ready-Zuckerrübe wird ab 2008 in den USA zu einem deutlichen Produktivitätsfortschritt führen.

Meine Damen und Herren,
noch eine abschließende Betrachtung zur Entwicklung der Agrarmärkte:

Der globale Wettbewerb um knappe Flächen und Ressourcen wird tendenziell zu einer Festigung der Agrarpreise führen. Neben dem schon sichtbaren Trend der Verknappung von Rohstoffen für die Nahrungs- und Futtermittelverwendung tritt weltweit eine zusätzliche Rohstoffverknappung durch die zunehmende Energienachfrage auf. Bereits in
diesem Jahr ist dieser Trend deutlich zu spüren. Auch wenn es mit den gegenwärtigen Preissteigerungen bis zu 50 % nicht linear weitergehen wird, so kündigt sich doch eine Veränderung für die Agrarwirtschaft an:
Die Zeiten der Überschüsse und der Preis drückenden Käufermärkte werden so nicht weiter bestehen. KWS hat sich rechtzeitig auf diese neuen Marktchancen eingestellt.

Wir werden unsere Position als "Spezialist für landwirtschaftliches Saatgut" und als "Marktführer für Energiepflanzen" konsequent weiter ausbauen. Damit erhält KWS im 150. Jahr ihres Bestehens einen neuen Energieschub.


Es gilt das gesprochene Wort.


           14.12.2006
Philip von dem Bussche