Ausführungen von
Dr. Léon Broers
anlässlich der Hauptversammlung der KWS SAAT AG
am 16. Dezember 2008
Sehr geehrte Aktionärinnen und Aktionäre, sehr geehrte Gäste,
das vergangene Geschäftsjahr ist auch im Bereich Forschung und Entwicklung erfolgreich gelaufen. Die KWS Züchter haben, wie im Vorjahr, mehr als 260 innovative Sorten mit herausragenden Erträgen und anderen für die Landwirtschaft wichtigen Eigenschaften entwickelt. Dies zeigt, dass die KWS sich auf eine nachhaltige, qualitativ gute Produktversorgung verlassen kann, die es erlaubt, unsere strategischen Zielmärkte weiter zu entwickeln und das gewünschte Wachstum zu realisieren.
Das GJ 07/08 war geprägt von Wachstum für unsere Budgets in Forschung und Züchtung. Aufwendungen, die mittel- und langfristig die Produktversorgung der KWS weiter stärken sollen. Im Vergleich zum Vorjahr haben wir das Budget für Forschung und Entwicklung um 5,4 Mio. € auf 80,6 Mio. € erhöht.
Dabei sind in allen Bereichen der F&E wichtige Schritte gemacht worden. Insbesondere haben wir große Fortschritte bei dem strategischen Ausbau unserer Maiszüchtung gemacht. Die Zuchtprogramme in Argentinien, Südosteuropa und Osteuropa wurden stark ausgedehnt und weiter an die bestehenden Züchtungsprogramme angebunden. Damit wird es ermöglicht, dass Züchtungsmaterial und Information optimal genützt und ausgetauscht werden können.
In den USA wurde das Programm von AgReliant, unserem „Joint Venture“ mit Limagrain, weiter ausgedehnt und beschleunigt. Unser Programm ist so zu dem „Speedy Gonzalez“ der Maiszüchtungsprogramme geworden. Über diese einmalige Geschwindigkeit können wir die deutlich größeren Programme unserer Wettbewerber ausgleichen und mit neuen Sorten so erfolgreich sein.
In der Rapszüchtung wurde ebenso eine Beschleunigung durchgeführt, um neue Sorten bis zu zwei Jahre früher auf den Markt bringen zu können.
Bei Zuckerrübe und Getreide stand Osteuropa im Mittelpunkt. Damit unsere Marktposition ausgebaut werden kann, brauchen wir speziell für die osteuropäischen Märkte entwickelte Produkte. Dies kann nur realisiert werden, wenn wir unsere Züchtung vor Ort aufbauen. Um diese Entwicklung sicherzustellen, bauen wir zurzeit in Lipetzk, ca. 400 km südlich von Moskau, eine eigene Züchtungsstation. Anfang Juli fand die Grundsteinlegung für den Neubau statt. Von Lipetzk aus werden wir weitere Versuchsstandorte im Nordkaukasus und im Wolga-Uralgebiet aufbauen. Damit sind die Voraussetzungen geschaffen, noch bessere Zuckerrübe und Getreidesorten und später Mais für diese Märkte zu züchten.
Parallel zu dem Ausbau der klassischen Züchtung wurde auch die strategische Forschung erweitert, insbesondere im Bereich Molekulare Marker. Mit Molekularen Markern kann man schon sehr früh während der Entwicklung einer Pflanze bestimmte Eigenschaften erkennen und verwenden. Züchter brauchen hierzu dann keine langwierigen Feldversuche zu machen. Ziel der Forschung ist es also, Anwendungen der Molekularen Marker zu entwickeln, die die Leistung der klassischen Züchtung weiter optimieren und beschleunigen.
Durch Fortschritte in der Technologie werden immer mehr Anwendungen entwickelt. Das wiederum führt dazu, dass der Anteil der Forschung relativ immer wichtiger wird. Er liegt heute bereits bei 15 % des gesamten F&E-Budgets. Sie sehen, meine Damen und Herren, dass die KWS die modernen Entwicklungen sehr genau verfolgt. Damit stellt sie sicher, dass unsere Pflanzenzüchtung auf dem modernsten Stand bleibt und weiter als Innovationstreiber agiert.
Ein Beispiel möchte ich aus dem Bereich Molekulare Marker nennen. Bei unserem Tochterunternehmen Planta wurde eine neue Hochdurchsatz-Technologie implementiert. Unsere Kapazitäten sind so erheblich ausgedehnt und zugleich die Kosten der molekularen Marker erheblich gesenkt worden. Die Konsequenzen sind enorm:
- Die Anzahl der Analyseergebnisse bei Mais und Zuckerrübe konnte im laufenden GJ verzehnfacht werden.
- Züchter investierten mehr in strategische Anwendungen der Marker Technologie, um ihre Programme zu optimieren und den Zuchtfortschritt weiter zu steigern.
- Ergebnisse der Genomforschung, d.h. die Forschung, die sich mit den Funktionen unserer Gene beschäftigt, lassen sich einfacher nutzen.
- Neue Technologien mit erweiterten Anwendungsmöglichkeiten sind zu erwarten.
Und so entsteht ein Innovationszyklus, der zusammen mit der integrierten Organisation von Züchtung und Forschung die erfolgreiche und gezielte Umsetzung von Ergebnissen der Genomforschung in unsere Zuchtprogramme gewährleistet.
Für das kommende Geschäftsjahr wird diese Wachstumsstrategie fortgesetzt. Ein Hauptthema wird beim Wachstum in diesem Geschäftsjahr eine bedeutende Rolle spielen: Sicherung und Verstärkung der genetischen Vielfalt in unseren Zuchtprogrammen.
Die genetische Vielfalt in unseren Zuchtprogrammen ist von entscheidender Bedeutung für den Erfolg der Züchtung. Ist die genetische Vielfalt zu eng, dann können Züchter den erforderlichen Zuchtfortschritt, der zurzeit ca. 1-2% pro Jahr beträgt, langfristig nicht erreichen.
Deshalb haben wir beschlossen, vermehrt in Forschungs- und Züchtungsaktivitäten zu investieren, die unsere genetische Vielfalt verstärken und weitere Innovationen für die Landwirtschaft ermöglichen werden. Die gezielte Nutzung genetischer Ressourcen und die Anwendung von Gentechnik sind die zwei denkbaren Wege, die zu einer gezielten Erweiterung der genetischen Vielfalt beitragen können. Beide Wege werden wir beschreiten und ausbauen.
Unter genetischen Ressourcen versteht man alle Sorten, Rassen und Populationen einer Kulturart und ihrer verwandten Wildformen. Genetische Ressourcen stellen damit eine große Sammlung von genetischer Diversität dar, die die unschätzbar wertvolle Grundlage für Züchtungsaktivitäten bildet.
Ziel eines Programms zur Nutzung von genetischen Ressourcen ist die gezielte Verbreitung des Zuchtmaterials mit positiven Eigenschaften. Leider enthalten genetische Ressourcen oft sehr viele negative Eigenschaften, die die direkte Nutzung in der Züchtung fast unmöglich machen. Zudem sind die positiven Eigenschaften nicht einfach erkennbar. Um die positiven Eigenschaften aus diesem unangepassten Material in modernes und züchterisch angepasstes Material zu übertragen sind Forschungsprojekte erforderlich, die diese genetischen Ressourcen bearbeiten. Nicht selten muss mit mehr als 15 Jahre langwieriger und schwieriger Forschung gerechnet werden, bevor ein marktfähiges Produkt entstanden ist. Es gibt aber viele Beispiele in der Pflanzenzüchtung, bei denen die Nutzung genetischer Ressourcen zu Innovationen geführt hat, die Probleme in der Landwirtschaft gelöst haben. Ein Beispiel stellt unsere nematodenresistente Rübe dar. Nematoden oder Fadenwürmer verursachen Rübenmüdigkeit, die in vielen Anbaugebieten zu großen Schäden führt. Chemische Bekämpfung ist unmöglich und nur über resistente Sorten kann man den Schädling bekämpfen. Weil in normalem Züchtungsmaterial leider kaum Resistenz vorhanden ist, wurde in den 50er Jahren die Suche nach Resistenzquellen gestartet. Verschiedene Wildrüben mit Nematodenresistenz wurden identifiziert. Die ersten gezüchteten Sorten kamen Mitte der 90er Jahre auf den Markt. Sie waren aber noch nicht sehr ertragreich und auch die Resistenz war noch nicht ausreichend. Erst nach 50 Jahren, genauer gesagt im Jahr 2004, kam die erste erfolgreiche nematodenresistente KWS-Sorte PAULETTA auf den Markt. Sie enthält eine Resistenz, die mit viel Mühe aus „Beta maritima“, einer Wildrübe, die entlang der spanischen Küste im Sand wächst, in die Zuckerrübe gezüchtet wurde.
Wegen der langen Entwicklungszeiten sollten Programme für genetische Ressourcen auf zukünftige Zuchtziele und Herausforderungen ausgerichtet werden. Die Geschichte zeigt, dass Züchter, die rechtzeitig mit der Arbeit an einem langfristigen Ziel anfangen und zu diesem Zweck Aktivitäten im Bereich genetischer Ressourcen aufbauen, besser im Stande sind, Innovationen für die Landwirtschaft zu entwickeln. Das Beispiel der Nematoden bestätigt dies. Deshalb werden wir diese Aktivitäten in allen Kulturarten verstärken.
Unser Forschungsprogramm in der Gentechnik ist das zweite Standbein für die Erweiterung der genetischen Vielfalt, das in den nächsten Jahren ausgebaut wird. Wir haben uns ganz bewusst entschieden, auch diese Richtung zu stärken. Wir sind der Meinung, dass die Herausforderungen, die in den nächsten 20 bis 30 Jahre auf uns zukommen (Folgen des Klimawandels, Ernährungssicherheit bei wachsender Weltbevölkerung, und der wachsende Energiebedarf) nur gemeistert werden können, indem wir alle Möglichkeiten, die die Wissenschaft bietet, offen halten und ausprobieren. Unsere gentechnischen Ansätze sollten zu Innovationen führen, die vor allem einen Beitrag zu einer nachhaltigen Landwirtschaft liefern. Wie bei der Nutzung genetischer Ressourcen fokussieren wir uns auf Resistenzen gegen Krankheiten und Trockenheit, sowie eine bessere Nutzung begrenzter Ressourcen zur weiteren Ertragsverbesserung. Wir haben es hier mit sehr langen Entwicklungszeiten zu tun. Im Interesse unserer Kunden, der Gesellschaft und im Sinne einer nachhaltigen Unternehmensentwicklung können wir es uns deshalb nicht erlauben, jetzt bestimmte vielversprechende Technologien grundsätzlich abzulehnen.
All dieses Wachstum erfordert eine Entwicklung unserer Infrastruktur und den Ausbau unseres Personals. Dies führt insbesondere in diesem Jahr zu verstärkten Investitionen. Zwei große Projekte stehen in Einbeck an, nämlich der Bau eines neuen Gewächshaus-Komplexes und der Ausbau von F&E-Arbeitsplätzen im bisherigen Speicher, der neu genutzt wird. Insgesamt reden wir hier von einem Investitionsvolumen von über 24 Mio. €. Im Personalbereich ist mit der Schaffung von 50 neuen Arbeitsplätzen, vor allem in Einbeck, zu rechnen.
Abschließend möchte ich betonen, dass die Innovation für die Landwirtschaft bei der Züchtung von neuen Sorten anfängt. Sowohl klassische als auch gentechnische Ansätze sind in der Forschung aus meiner Sicht notwendig, um weitere Innovationen in der Landwirtschaft voranzubringen. Mit unserem Wachstum werden die Fundamente gelegt und nur so können wir mit unserer Züchtung weiter Zukunft säen – seit 1856!
Es gilt das gesprochene Wort.
16.12.2008
Léon Broers