Ausführungen von
Philip von dem Bussche
anlässlich der Hauptversammlung der KWS SAAT AG
am 17. Dezember 2009
Sehr geehrte Aktionäre der KWS, liebe Gäste,
in den vergangenen 12 Monaten haben die Volkswirtschaften rund um den Erdball die Auswirkungen der heftigsten Rezession der Nachkriegszeit gespürt. Die KWS konnte trotz dieser Verwerfungen ihren profitablen Wachstumskurs fortsetzen. Wir können wiederum über ein sehr erfolgreiches Jahr berichten.
1. Erfolg und seine Ursachen:
Im Jahr 2008/2009 wurde ein Umsatz in Höhe von 717 Mio Euro (das sind 20 % Steigerung!) mit einem Betriebsergebnis von 77,9 Mio Euro (plus 11 %) erzielt. Gleichzeitig stieg der Aufwand für Züchtung und Forschung auf fast 90 Mio Euro und die Investitionen erreichten mit mehr als 60 Mio Euro ebenfalls einen bisherigen Höchstwert.
Ich beleuchte diesen Erfolg mit einigen Schlaglichtern:
- Mit intensiver Forschung & Entwicklung hat KWS als eines der führenden Unternehmen in Deutschland maßgeblich am Züchtungsfortschritt zum Wohl der Landwirtschaft mitgewirkt. Erfolgsfaktor ist die sehr langfristig ausgerichtete Unternehmensstrategie - maßgeblich geprägt durch viele Generationen in den Gründerfamilien und die heutigen Familienaktionäre.
- KWS investiert in großem Umfang in Forschung und Entwicklung, um auch weiterhin die Pflanzenzüchtung voran zu bringen und das organische Wachstum des Unternehmens zu sichern. Das erfordert in zunehmendem Maße die globale Wettbewerbsfähigkeit unserer Produkte und der Marke KWS.
2. Herausforderungen für Pflanzenzüchter
Die Pflanzenzüchtung hat in den vergangenen Jahrzehnten mit 1–2 %
Zuwachs pro Jahr den entscheidenden Anteil an den jährlichen Ertragssteigerungen der Landwirtschaft. Weitere Fortschritte in der modernen Landtechnik, in der Düngung und im Pflanzenschutz führen dazu, dass die Flächenerträge der wichtigsten Kulturpflanzen in Deutschland Jahr um Jahr insgesamt um knapp 3 Prozent gesteigert werden. Das hat in den vergangenen 25 Jahren zu einer Verdoppelung der Erträge und damit zu erheblichen Wohlfahrtsgewinnen in der Volkswirtschaft geführt. Durch den Produktivitätszuwachs konnte (und musste) die Landwirtschaft im Zeitverlauf ihre Produkte zu stetig sinkenden Marktpreisen anbieten. Der Produktivitätsfortschritt in der Landwirtschaft landet also in der Konsequenz beim Verbraucher: Der Nutzen für Verbraucher und Gesellschaft sind spürbar niedrigere Konsumausgaben bei deutlich verbesserter Qualität. Während vor etwa 50 Jahren die Ausgaben für Lebensmittel noch zwischen 25–30 % des Gesamteinkommens beanspruchten, sind es heute nur noch gut 10 %. Das ist eine Ersparnis von weit über 100 Mrd. € pro Jahr, die für andere Konsum- oder Vorsorgezwecke zur Verfügung stehen. Das wird m. E. viel zu wenig aktiv kommuniziert.
Züchtungsfortschritt bedeutet mehr als nur eine möglichst hohe Ertragssteigerung. Er verbessert darüber hinaus die Qualität, Pflanzenwachstum und die Pflanzengesundheit durch immer bessere, gesündere, leistungsfähigere und angepasste neue Sorten. Züchtungsfortschritt hat also viele Gesichter und wird Jahr für Jahr beständig in allen Kulturpflanzen erzielt.
Und die Herausforderungen an die Pflanzenzüchtung nehmen zu. Aufgrund der rasant wachsenden Weltbevölkerung steigt die Nachfrage nach Lebensmitteln, Futtermitteln und Energie ständig. Die FAO schätzt, dass sich allein die Nachfrage nach Lebensmitteln bis 2050 etwa verdoppeln wird. Die landwirtschaftlichen Nutzflächen sind aber begrenzt und die fossilen Energiereserven in absehbarer Zeit erschöpft. Hinzu kommt der Klimawandel, der eine enorme Anpassung der Landwirtschaft nötig macht und zum Umdenken bei der Energieerzeugung führt.
Daher planen wir schon heute weitere Quantensprünge in der Züchtung. Wenn es nicht gelingt, die pflanzlichen Arten und Sorten möglichst schnell an den Klimawandel anzupassen, gefährden wir mittel- und langfristig die Nahrungs- und Energieversorgung von vielen Milliarden Menschen. Ohne neue und rasch greifende Züchtungsmethoden wird die Versorgung aller Menschen aufgrund von klimatisch bedingten Ernteausfällen und Ertragsverlusten nicht mehr möglich sein.
Die Folgen des Klimawandels werden damit zur größten Herausforderung für die Pflanzenzüchtung. Das wichtigste Züchtungsziel für alle Regionen der Erde wird die Ertragssteigerung und Ertragsstabilität unter sich vielfach ändernden Klimabedingungen.
3. Genetik und neue Technologien
Wie ist dieses Ziel zu erreichen? Seit jeher ist die Lehre der Vererbung (= Genetik) der Motor des Züchtungsfortschritts. Unser zunehmendes Wissen über die Bausteine des Lebens gibt der Pflanzenzüchtung eine breite Basis.
Diese Wissens-Erweiterung erzeugt permanent Fortschritt und Wachstum ohne wesentlichen Verbrauch von endlichen Ressourcen. Züchtung ermöglicht ein weitgehend aus Wissen und Können resultierendes Wachstum. Auch die Grüne Gentechnik verwendet keine neuen Gene, sondern nur solche, die in der Natur überall vorkommen. Pro Tag nehmen wir Milliarden fremder Gene mit der Nahrung in uns auf. Und die gezüchteten Kulturpflanzen, die uns heute ernähren, haben nichts mehr gemein mit den ursprünglichen Wildformen, die nahezu alle giftig und somit ungenießbar für den Menschen waren. Sie mussten deshalb in großem Ausmaß genetisch verändert werden. So wie aus einem Wolf ein Dackel oder ein Bernhardiner wurde, so veränderten die Züchter und die Evolution ein Gras in unseren heutigen Hochleistungsweizen. Daher sollten wir vergleichsweise gezielte und begrenzte Eingriffe wie die Grüne Gentechnik viel gelassener beurteilen.
Die Agrarbranche erwartet, dass sich insgesamt die Anbaufläche für gentechnisch veränderte Sorten weltweit in den nächsten fünf Jahren nahezu verdoppeln wird. Schon heute übertrifft diese Fläche mit 125 Mio Hektar die gesamte Ackerfläche Europas. In Gebieten mit intensiver Landwirtschaft wie Nord- und Südamerika wird bereits heute ein hoher Prozentsatz (je nach Kulturart bis zu 95 %) der Anbaufläche mit gentechnisch veränderten Sorten angebaut. Auch Europa als Gebiet mit intensiver Landwirtschaft wird sich dieser Entwicklung langfristig nicht verschließen können.
Seit mehr als 150 Jahren züchtet KWS Pflanzen für die gemäßigten Klimazonen. Unsere wichtigsten Erfolgsfaktoren sind die langjährige Erfahrung, die Unabhängigkeit, eine solide Eigenkapitalbasis und besonders die hohe Forschungsintensität mit einer engen Verzahnung von Mikrobiologie und Züchtung. Dort sehen wir unsere Kernkompetenz in der direkten Verbindung von klassischer Züchtung und moderner Biotechnologie, wie am Standort Einbeck umgesetzt wird.
Um unsere guten Marktpositionen weiter auszubauen, haben wir im Berichtsjahr die Investitionen im Vorjahresvergleich annähernd verdoppelt. Darunter fielen unter anderem der Bau eines umweltgerechten und ressourcenschonenden Forschungs- und Entwicklungszentrums („BIG“) am Stammsitz in Einbeck. Hier wurde ein altes Speichergebäude umgewidmet in eine zeitgemäße „Denkoase“ bzw. Büros für Wissenschaftler.
Die Referenzwerte für Energieverbrauch werden um 70 % unterboten; in Verbindung mit dem Einsatz von Biogas - auch für den neuen Gewächshauskomplex „Leo“ - werden wir auch den CO2-Ausstoß um 70 % senken. Für das „BIG“ wurde KWS im Mai 2009 mit dem Preis „Energieoptimiertes Bauen 2009“ vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie ausgezeichnet.
4. Entscheidender Erfolgsfaktor: Unsere Mitarbeiter
Mit den getätigten Investitionen haben wir gezielt neue Arbeitsplätze geschaffen. Dadurch erhöhte sich im abgelaufenen Geschäftsjahr die Zahl der Beschäftigten weltweit um rund 10 % auf über 3200. Wir haben allein in Deutschland fast 100 neue, qualifizierte Arbeitsplätze geschaffen, davon ca. 70 am Firmenstandort Einbeck. Wichtig für den nachhaltigen Erfolg unseres Unternehmens ist nicht nur die Quantität, sondern auch die Qualität der Arbeitsplätze – insbesondere für junge Familien - und damit die Motivation der Mitarbeiter. Dies hat auch die Bundesfamilienministerin gewürdigt und die KWS im Juni 2009 mit dem Preis „Familienfreundlicher Betrieb“ ausgezeichnet.
Wir möchten gerne unsere Mitarbeiter zu Mitunternehmern machen und werden daher das Aktien-Erwerbsprogramm fortsetzen. Die Konditionen sind wie im letzten Jahr 20 % Rabatt auf den Aktienkurs bei mindestens vierjähriger Haltefrist für unsere Mitarbeiter.
5. Die Zuckerrübe
Die Zuckerrübe hat auch im letzten Jahr wieder ihr Potenzial bewiesen. Allein in den letzten drei Erntejahren hatten wir kaum glaubliche Ertragssteigerungen bis zu den magischen 15 Tonnen Zucker vom Hektar im Praxisanbau. Bis 2020 trauen wir unserer Genetik, neuen Züchtungsmethoden und den Landwirten einen weiteren Ertragszuwachs auf 20 Tonnen Zucker vom Hektar zu. Nach wir vor ist jede zweite Zuckerrübe in Deutschland „made by KWS“.
Das Segment Zuckerrübe hat – trotz Zuckermarktreform – den höchsten bisherigen Jahresumsatz mit 228 Mio Euro erzielt. Die Einführung der Roundup Ready ® -Zuckerrübe in den USA hat hieran maßgeblichen Anteil. Innerhalb von zwei Jahren ist sie auf 97 %
der Fläche angewachsen – sozusagen ein Blitzstart von 0 auf 100. Unsere Tochter BETASEED hat sich am schnellsten in diesem neuen Markt durchgesetzt und durch hervorragende Sorten und durch ausreichende Saatgutproduktion unseren Marktanteil auf fast 70 % gesteigert. In den USA kommt also zur Zeit nur jede dritte Zuckerrübe nicht von KWS.
Für das Segment Zuckerrüben sehen wir – trotz historischer Höchststände bei den Zuckernotierungen – im laufenden Jahr kaum weiteres Wachstumspotenzial. In der EU-27 ist mit der Reform der Zuckermarktordnung die Flächenanpassung ebenso abgeschlossen wie die Einführung von Roundup Ready® Sorten in Nordamerika. Daher werden in diesen Regionen Zuwächse nur durch weitere Marktanteilsgewinne zu erzielen sein. Sollte sich die allgemeine Wirtschaftslage bessern, sehen wir Chancen vor allem in Osteuropa, in Vorderasien und in Nordafrika. Da sich in diesen Regionen im Vergleich zur EU-27 nur relativ geringe Margen erzielen lassen und sie zudem mit erhöhten Vertriebsaufwendungen verbunden sind, erwarten wir daraus jedoch nur geringe Ergebnisbeiträge. Unser Ziel bleibt es, in der Zuckerrüben-Produktentwicklung durch weitere Ertragssteigerungen und neue Technologien die Wettbewerbsfähigkeit der Zuckerrübe so weit zu erhöhen, dass sie ohne Subventionen langfristig mit dem Zuckerrohr konkurrieren kann.
6. Die Unternehmensstrategie
KWS hat mit einer Strategie des organischen Wachstums in den vergangenen Jahren gezeigt, dass sich Investitionen in Forschung und Entwicklung und damit in qualifizierte Mitarbeiter auch in steigenden Umsätzen und Erträgen niederschlagen. Gleichwohl werden wir uns in der Zukunft auf stärker zyklische Entwicklungen in unseren Märkten einstellen müssen. So haben sich die wichtigsten Agrarproduktpreise innerhalb weniger Jahre erst verdoppelt und dann wieder halbiert. Daher fällt uns eine Einschätzung des laufenden Jahres nicht leicht, denn unser maßgebliches Frühjahrsgeschäft bei Zuckerrüben und Mais hängt stark von den Marktentwicklungen und den Währungsveränderungen, insbesondere beim US-Dollar, ab.
Langfristig betrachtet bewegen wir uns in der Agrarwirtschaft in einem soliden Umfeld mit guten Wachstumsperspektiven. Darauf sind wir gut vorbereitet, denn Energiepflanzen und Kartoffeln sind für uns eben solche Wachstumsfelder wie die Regionen Osteuropa und China. Um im internationalen Wettbewerb mit den großen Agrarchemiefirmen (wie Monsanto, Pioneer und Syngenta) mithalten zu wollen, müssen wir unsere Züchtungsleistungen verstärken und in den Ausbau der neuen Technologien – auch in die Grüne Gentechnik – investieren.
Sie sehen, meine Damen und Herren, wir haben viel erreicht und uns noch mehr für die Zukunft vorgenommen. Wir sind uns sicher, dass wir weiterhin wesentliche Fortschritte erreichen werden – für KWS, für die Pflanzenzüchtung in Deutschland und für die nachhaltige globale Entwicklung. Oder wie es unser Unternehmens-Motto so schön beschreibt:
Zukunft säen – seit 1856.
Es gilt das gesprochene Wort.
17.12.2009
Philip von dem Bussche