„Neue“ Aspekte bei der Kultur- und Sortenwahl?

20.04.2018

Momentan bestimmen Themen wie Düngeverordnung, mögliche Zulassungsbeschränkungen bei Pflanzenschutzmitteln, Resistenzen bei Unkräutern, Krankheiten und Schädlingen sowie Klimawandel viele Diskussionen und Fachbeiträge im Bereich Ackerbau. Welche möglichen Auswirkungen haben diese Themen auf Kultur- und Sortenwahl bei Getreide aktuell und in der Zukunft?

Ziel der neuen Düngeverordnung ist die Erhöhung der Nährstoffeffizienz und der Abbau von einzelbetrieblichen Nährstoffüberschüssen. Dabei ist es im Ackerbau generell, vor allem aber in Veredlungsregionen deutlich enger bei der Stickstoff- und Phosphordüngung geworden. In viehstarken Betrieben oder Regionen muss die Effizienz der organischen Düngung weiter verbessert werden. Das heißt, höhere Entzüge durch hohe und sichere Erträge, eine präzisere Düngung und weniger Nährstoffverluste. Zusätzlich muss der Nährstoffanfall aus der organischen Düngung durch eine optimierte Fütterung reduziert werden. Nährstoffe, die nicht anfallen, können die Bilanz nicht belasten. Bessere Effizienz bei der organischen Düngung heißt, gleichzeitig höhere Anrechnungsfaktoren bei organischen Düngern und engere Grenzen bei den Nährstoffüberschüssen, aber weniger Spielraum für die mineralische Ergänzung. Auch bei Ackerbaubetrieben wird es enger. Das Sicherheitsdenken bei der mineralischen Düngung muss reduziert werden. Organische Dünger aus Überschussbetrieben und -regionen bieten Chancen zur Verbesserung von Bodenfruchtbarkeit und Senkung der Mineraldüngerkosten, reduzieren aber auch hier den Spielraum für die mineralische Ergänzung. Düngergaben mit schlechterer N-Effizienz, wie die Spätdüngung zur Sicherung hoher Proteingehalte im Qualitätsweizenanbau, sind ebenfalls zu hinterfragen.

Die möglichen Auswirkungen der neuen Düngeverordnung auf den eigenen Betrieb müssen einzelbetrieblich kalkuliert werden. Welche Nährstoffmengen kommen aus organischen Düngern und welcher Spielraum bleibt für die mineralische Ergänzung? Welche Mengen an betriebseigenem organischen Dünger können im eigenen Betrieb eingesetzt werden? Welche Menge an organischen Düngern müssen viehstarke Betriebe abgeben oder können Ackerbaubetriebe aufnehmen? Wie und wann werden mineralische Restmengen zu den einzelnen Kulturen verteilt? Der gute landwirtschaftliche Unternehmer hat frühzeitig Lösungsansätze für die anstehenden Problemfelder.

Getreidekulturen neu bewerten?

Unter den Aspekten Düngeeffizienz, Klimawandel und Einschränkungen beim Pflanzenschutz müssen auch die Getreidekulturen neu bewertet werden. Die Anbauflächen sprechen momentan eine deutliche Sprache. Anbaustärkste und wichtigste Getreidekultur in NRW ist mit rund 260.000 Hektar aktuell Winterweizen vor Wintergerste mit 145.000 Hektar. Wintertriticale mit 65.000 und Winterroggen mit 18.000 Hektar folgen mit größerem Abstand.

Unter den Aspekten Ertragssicherheit und Nährstoffentzug gibt es in Abhängigkeit der Bodengüte größere Unterschiede zwischen den Kulturen. Ertragssicherste Kultur auf Standorten in Nordwestdeutschland mit weniger als 40 Bodenpunkten ist der Winterroggen. Moderne Hybridsorten zeigen neben der hohen Ertragssicherheit zunehmend positivere agronomische Eigenschaften in Punkto Lagerneigung, Strohstabilität und Braunrosttoleranz.

Auf den schwächeren Standorten folgt in Punkto Ertragssicherheit Wintertriticale. Wintergerste und Winterweizen folgen mit gleichem Ertragsniveau auf dem dritten Platz. Vor dem Hintergrund der Nährstoffeffizienz bleibt die Frage, ob es sich die Praxis weiterhin leisten kann, auf schwächeren Standorten Winterweizen mit vergleichsweise hohen N-Mengen zu unsicheren und jahresbedingt stark schwankenden Erträgen zu führen.

Auf den besseren Standorten mit höherer Ertragserwartung rücken die Kulturen beim Ertrag und beim Nährstoffentzug näher zusammen. Auch hier liegt Winterroggen auf Platz eins. Winterweizen folgt auf Platz zwei vor Wintertriticale und Wintergerste (Tabelle 1).

Tabelle 1: Nährstoffentzüge auf Basis LSV Auswertung KWS LOCHOW 2011 - 2017

Tabelle 1: Nährstoffentzüge auf Basis LSV Auswertung KWS LOCHOW 2011 - 2017

Winterweizen – Unterschiede in der N-Effizienz nicht überbewerten!

Bei keiner anderen Getreidekultur gibt es größere Unterschiede in wichtigen Eigenschaften. Weizensorten unterscheiden sich in Punkto Qualität, Reife, Saatzeiteignung, Winterhärte, Standfestigkeit, Blattgesundheit, Fusariumtoleranz, Fallzahlstabilität und Stoppelweizeneignung. Auch die Sortenvielfalt ist größer als bei allen anderen Getreidekulturen. Aus der Vielzahl der zugelassenen Sorten filtern die neutralen Landessortenversuche die für die Praxis interessanten Sorten heraus. Vor dem Hintergrund von Klimawandel, zunehmenden Resistenzen bei Schaderregern und gleichzeitig abnehmender Anzahl von zugelassenen Pflanzenschutzmitteln gewinnen Sorteneigenschaften wie Trockentoleranz, Ertragsstabilität, Erntesicherheit durch gute Fallzahlstabilität und Gesundheit zukünftig weiteren Stellenwert. Risikoabsicherung durch geschickten Sortenmix und Vermeidung von Risikoeigenschaften sind praktizierte Ertrags- und Erlössicherungen. Als neues Selektionsmerkmal wird in letzter Zeit auch über Unterschiede in der N-Effizienz diskutiert. Die negative Korrelation zwischen Ertrag und Proteingehalt besteht weiterhin. Ertragsstarke C- oder B-Weizen sind zumeist proteinärmer und Qualitätsweizen der Kategorie E oder A bei guten Qualitäten ertragsschwächer. Aus Ertrag und Proteingehalt lässt sich der sortenspezifische N-Entzug berechnen. Die Ergebnisse dieser Berechnung für agronomisch interessante Sorten und verschiedene Qualitätsgruppen am Beispiel der Lehmböden im nordwestdeutschen Raum ist in Tabelle 2 dargestellt. Dabei wurde die relative Ertragsleistung ausgewählter Sorten in den Landessortenversuchen für einen Standort mit 90 dt/ha Ertragserwartung in Hektarerträge umgerechnet und mit den tatsächlich in den Versuchen ermittelten Proteingehalten der einzelnen Sorten multipliziert. In diesen Versuchen werden aufgrund der sehr geringen Marktbedeutung keine E-Sorten geprüft. Im Ergebnis lässt sich festhalten, dass sich die ermittelten Unterschiede unter diesen Annahmen nur in einer Größenordnung von maximal zehn Kilogramm je Hektar bewegen.

Nasse Blüte

Nasse Blüte

Tabelle 2: Korn-N-Erträge von Qualitätsgruppen 2017 (Lehmstandorte Nordwest, berechnet)

Tabelle 2: Korn-N-Erträge von Qualitätsgruppen 2017 (Lehmstandorte Nordwest, berechnet)

Nicht nur auf Stickstoff achten!

In viehstarken Regionen werden Grenzen der organischen Düngung neben Stickstoff sehr stark auch über Phosphor gesetzt. Daher muss Nährstoffeffizienz auch unter diesem Aspekt betrachtet werden. Die im Rahmen der neuen Düngeverordnung jetzt vor der Düngung vorgeschriebene N-Bedarfsermittlung stellt bei gleichem Ertrag E-Weizen um 30 kg/ha besser als A- und B-Weizen und C-Weizen noch einmal um 20 kg/ha schlechter als A- und B-Weizen. Ist es daher richtig, den Anbau von Futterweizen durch den verstärkten Anbau von A/B- oder sogar E-Sorten zu ersetzen? In Tabelle 3 sind die Auswirkungen von Ertrag und Qualität (Proteingehalt) auf die Nährstoffentzüge nach Düngeverordnung exemplarisch dargestellt. Eine Ertragssteigerung um 10 dt/ha erhöht die N-Abfuhr um 22 kg/ha und die P-Abfuhr um 10 kg/ha. Die Steigerung des Proteingehaltes um ein Prozent erhöht die N-Abfuhr um 12 kg/ha, ändert aber nichts am Phosphorentzug. Die letztendlich entscheidende Größe in der Betrachtung ist der tatsächlich realisierbare Nährstoffentzug auf dem Standort. Bei dieser Betrachtungsweise haben ertragsstarke B-Weizen und die Spitzensorten aus dem A-Bereich momentan beim Nährstoffentzug leicht die Nase vorne.

Die anderen Wintergetreidearten

Einen höheren Stellenwert verdient hätte eigentlich der Winterroggen. Die Hybridzüchtung hat Ertragshöhe und -sicherheit wie bei keiner anderen Getreidekultur steigen lassen. Moderne Sorten sind gesünder und standfester geworden. Die Nährstoffeffizienz ist vor allem auf leichteren Standorten besser als bei anderen Getreidearten. Anbaurisiken bleiben die hohe Auswuchs- und Mutterkornneigung, obwohl auch bei dieser Eigenschaft leichte Züchtungsfortschritte feststellbar sind. Auf leichteren Standorten ist Winterroggen in einem intensiveren Anbausystem Winterweizen und Wintergerste überlegen. Auch auf besseren Standorten glänzt Winterroggen mit hohen sicheren Erträgen. Der Brotroggenmarkt ist leider nur ein kleiner Markt. Zunehmend interessant und häufig unterschätzt wird Roggen als Futtergetreide.

Neben Winterroggen besitzt Wintertriticale auf leichteren Standorten eine hohe Ertragssicherheit. Hohe Erträge mussten aber in den letzten Jahren an vielen Standorten mit hohem Gelbrost- und Mehltaudruck mit einem hohen Fungizidaufwand erkauft werden. Betroffen waren vornehmlich ältere Sorten. Folgerichtig hat in den beiden letzten Jahren ein starker Sortenwechsel hin zu neueren und etwas gesünderen Sorten stattgefunden.

Bei Wintergerste haben die Hybriden bewährte und gute Liniensorten bei der Leistung immer noch nicht überholt, obwohl sich bei den neuen Hybriden die Einstufungen in Punkto Strohstabilität verbessert haben.

Fazit

Für die Düngung gelten mit der neuen Düngeverordnung strengere Regeln. Die Düngung muss jetzt noch effizienter werden. Beratung und Praxis müssen an allen möglichen Stellschrauben nachjustieren und vorhandene Reserven schnell und konsequent nutzen. Bei knapperem Nährstoffangebot werden pflanzenbauliche Fehler schneller ertragswirksam. Die Nährstoffeffizienz der verschiedenen Getreidekulturen ist standortbedingt unterschiedlich. Zwischen den Sorten sind die Unterschiede in der N-Effizienz relativ gering.

Auch im Bereich Pflanzenschutz drohen mit dem Wegfall wichtiger Wirkstoffe und zunehmenden Resistenzen weitere Einschränkungen und Erschwernisse. Vor diesem Hintergrund wird der Pflanzenbau einen höheren Stellenwert bekommen. Die Bedeutung der Sortenwahl als wichtige Maßnahme des integrierten Pflanzenbaues wird steigen. Der Sortentyp „eierlegende Wollmilchsau“ mit hohen Erträgen, bester Qualität und guten agronomischen Eigenschaften bleibt dabei wohl ein Wunschtraum. Die Praxis braucht daher zur Sortenauswahl möglichst frühzeitig Informationen und Empfehlungen aus exakten und unabhängigen Versuchen, um aus der Vielzahl der Sorten und Versprechungen die besten Sorten für den eigenen Anbau auszuwählen.

Heinrich Brockerhoff
Heinrich Brockerhoff
Landwirtschaftskammer NRW / Referent für Getreide, Öl- und Eiweißfrüchte
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