Wie Landwirte mit Roggen die Schweinemast verbessern

Landwirt Andreas von Felde steht in seinem Stall und prüft die Qualität des Futters.

Erfolgreiche Schweinemast und glückliche Tiere – für Andreas von Felde sind das keine Gegensätze. Der Landwirt aus Norddeutschland setzt in seinem Betrieb bei Ackerbau und Fütterung auf Roggen, muss weniger Dünger einsetzen und sieht sich durch eine aktuelle Studie bestätigt.

Wie er den Glückszustand seiner Schweine misst, weiß Andreas von Felde ganz genau. Der 52-Jährige lehnt sich dafür an die Backsteinwand seines Futtersilos, gleich um die Ecke vom Stall. Und lauscht. „Wir stehen jetzt 20 Meter entfernt von 500 Mastschweinen“, sagt der Landwirt aus Harmelingen in der Lüneburger Heide, südlich von Hamburg. „Und es ist vollkommen still.“

Die Ruhe in seiner Schweineherde ist keine Momentaufnahme, das kann Hausherr von Felde bezeugen. Er hat sein Schlafzimmer in Hörweite seiner Tiere und kann seit Jahren ruhig schlafen. „Das war wahrlich nicht immer so“, sagt von Felde. Schweine können schnell unruhig werden, dann beißen sie sich gegenseitig auch einmal die Schwänze ab. Um das Schwanzbeißen zu verhindern, entfernen viele Mastbetriebe die ringelförmige Extremität. Dabei ist der Hauptgrund für das Verhalten der Tiere nicht Aggressivität, sondern Hunger. Und Roggen kann ihn stillen.

Natürliche Sättigung durch Roggen

Denn das Getreide enthält komplexe Kohlenhydrat-Verbindungen, die im Dünndarm der Tiere gleichmäßig und langsam zu Glucose abgebaut werden. Ein nachhaltiges Sättigungsgefühl ist die natürliche Folge. Diese und weitere Wirkungen von Roggen in der Schweinemast beschreibt eine jüngst von der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo) gemeinsam mit KWS und der genossenschaftlichen Viehvermarktung Walsrode durchgeführte Studie. „Es spricht einiges dafür, dass Roggen das Tierverhalten günstig beeinflussen kann“, sagt Josef Kamphues, Professor am Institut für Tierernährung der TiHo und Leiter der Studie. Die 18 teilnehmenden Betriebe, darunter auch zehn Ebermäster, hatten während der Studie mehr als 45.000 Tiere gemästet. Gefüttert wurde eine Mischung, in der Roggen von zunächst fünf Prozent in der Vormast über 25 Prozent in der Mittelmast schließlich einen Anteil von 40 Prozent in der Endmast ausmachte.

Eine ungewöhnlich hohe Zahl - oft nutzen Landwirte deutlich weniger Roggen in der Schweinemast. Doch die Studienergebnisse legen nahe, dass es gute Gründe für eine Umkehr dieses Trends gibt. Und das nicht nur aufgrund der satteren Schweine. „Wir können nicht einfach weiter so viel düngen wie in den vergangenen Jahrzehnten“, sagt TiHo-Experte Kamphues. „Und Roggen hilft der Landwirtschaft dabei, neue Wege zu gehen.“

  • Es spricht einiges dafür, dass Roggen das Tierverhalten günstig beeinflussen kann.

    Josef Kamphues, Tierärztliche Hochschule Hannover
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Weniger Nitrat beim Roggenanbau

Hybrid-Roggensaatgut von KWS braucht nach Angaben des Saatgutzüchters 100 Liter weniger Wasser pro Kilogramm als etwa Weizen. Und es komme pro 100 Kilogramm Getreide mit einem halben Kilogramm weniger Stickstoff aus. Damit sorgt Roggen letztlich für weniger Nitrat in den Böden. Und macht es Landwirten so deutlich leichter, die seit 2017 geltende neue Düngeverordnung einzuhalten.

Auch bei den untersuchten Schweinen machte Veterinär Kamphues gravierende Unterschiede zu anderen Futtermitteln aus: „Roggen besitzt einen hohen Gehalt an Kohlenhydraten, die nicht schon im Dünndarm verdaut werden. Vereinfacht gesagt füttern sie die Mikroorganismen im Dickdarm und die dort ansässige Mikroflora.“ So entstehe Buttersäure, die höchstwahrscheinlich das Verhalten der Tiere bei der Mast positiv beeinflusst. Darüber hinaus verdränge diese auch mit hoher Effizienz Keime, etwa Salmonellen. Und das Problem des Ebergeruchs, das wie ein Damoklesschwert über der Aufzucht von unkastrierten männlichen Tieren schwebt, könnte mit einem höheren Roggenanteil im Futter deutlich entschärft werden. „Es könnte zu einer Renaissance des Roggens kommen“, sagt Kamphues. „Denn die Bedingungen rund um die Pflanze und die Tierhaltung haben sich geändert - im Sinne des Roggens.“

Roggen: Widerstandsfähig auch bei Trockenheit

Dort, wo das Geheimnis der ruhigen Schweinemast wächst, wiegen sich kräftige Ähren im Wind. Auch das extrem trockene Frühjahr 2018 hat dem Roggen auf den rund 30 Hektar Ackerfläche nicht weit vom Hof offenbar nur wenig ausgemacht. Kerzengerade stehen die Hybridroggen-Pflanzen von Andreas von Felde auf dem ohnehin kargen, sandigen Heideboden, der durch die Regenarmut noch zusätzlich gelitten hat. „Die Resistenz gegen Trockenheit ist für uns alle hier sehr vorteilhaft“, sagt von Felde. „Außerdem brechen die Pflanzen auch bei schweren Unwettern nicht ein, bringen auf unseren schwierigen Böden hohe Erträge. Und mit Krankheiten wie Rost oder Mehltau habe ich fast nichts zu tun.“

Die bisherige Schwäche des Roggens, die Anfälligkeit für den Befall mit Mutterkorn-Pilzen, habe schließlich die moderne Züchtung praktisch beseitigt: „Mit der richtigen Sorte und durch die Pollen-Plus-Technologie kann ich das weitgehend ausschließen. Dahinter steckt jahrelange Forschung von KWS, das ist ähnlich komplex wie bei der Entwicklung eines neuen Autos.“

Für die Familie von Felde ist das altbekannte Getreide ein wesentlicher Bestandteil ihrer Hof-Philosophie: traditionell, aber mit moderner Technik. Dass von Felde selbst als Produktmanager für den Saatguthersteller arbeitet, verfestigt da nur noch die ohnehin vorhandenen Überzeugungen.

Roggen: traditionell ertragsstark

Der Hof ist seit vielen Generationen im Familienbesitz - wie lange, das weiß selbst von Felde nicht genau. Ganz sicher belegen kann er aber, dass auf seinen Äckern seit Jahrzehnten viel Roggen wächst. Erst kürzlich fand der Landwirt einen Brief seiner Großmutter, die den Betrieb in den 1940er-Jahren geleitet hatte. Darin kommentierte sie die Ernte mit den Worten: „Wieder guten Roggen gekellert.“

Im Jahr 2000 erbte der promovierte Tierzüchter den Hof. „Damals war Tierschutz noch längst nicht so populär wie heute“, sagt der dreifache Vater rückblickend. Von Felde dagegen liegt das Tierwohl besonders am Herzen: Seine Schweine liegen auf Stroh, von der Decke baumeln Fußbälle, Lecksteine und Beißhölzer animieren zum Zeitvertreib. Die Tiere haben in ihrem offenen Stall deutlich mehr Platz und Licht als anderswo.

Ein Schwein steht zufrieden im Stall.

Tierwohl in der Schweinemast

Er habe Verständnis für Kollegen, die seine Prinzipien in der Schweinemast nicht übernehmen können oder wollen - und legt ihnen umso mehr das Getreide seiner Wahl nahe. Denn seitdem er die Roggenanteile deutlich erhöht habe, sei nichts mehr wie zuvor. „Über Roggen als Futter kann man relativ schnell etwas zum Tierwohl beitragen“, sagt er. „Die Haltungsform als Ganzes umzustellen dauert dagegen viel länger.“

Dass es von Feldes Schweinen gut geht, kann er hören - und inmitten der Herde erleben. Der Landwirt steht regelmäßig zwischen den Tieren und sieht nach dem Rechten: „Man muss viel Zeit mit den Tieren verbringen. Dann merkt man viele Dinge.“ Und dass Roggen nicht nur das Tierwohl verbessert, kann von Felde mit Zahlen belegen: Von 58 auf 62 Prozent sei der Muskelfleisch-Anteil hochgeschnellt, die Gewichtszunahme von 810 auf 900 Gramm pro Tag.

„Stehe fest, gucke weit und beweg Dich“ - das prangte einst als Motto an einem der Betriebsgebäude auf seinem Bauernhof, sagt von Felde. Die Verbindung von Tradition und Moderne, von Tierwohl und effizientem Ackerbau ist heute sein Markenzeichen. Dass er deshalb sogar von Fernsehteams besucht werde, macht den uneitlen Landwirt schon ein wenig stolz: „Dafür bin ich sehr dankbar.“ |

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Forschung zur Schweinefütterung: Mehr Tierwohl dank Roggen

Roggen könnte die Schweinefütterung grundlegend neu definieren und verbessern. Dazu will ein gemeinsames Forschungsprojekt von Wissenschaft und Wirtschaft beitragen. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft fördert das Projekt* mit Geld aus dem Innovationsförderprogramm des Bundes.

„Schweinehalter suchen nach neuen Methoden, wie sie ihre Tiere gesund und nachhaltig füttern können. Roggen und Raps können zur Lösung dieser Fragen beitragen“, sagt DRV-Hauptgeschäftsführer Dr. Henning Ehlers.

Roggen hat gegenüber anderen Getreidearten spezifische Vorteile: Die Pflanzen brauchen weniger Wasser, weniger Pflanzenschutzmittel sind nötig, und Roggen hat die höchste Effizienz bei der Verwertung von Stickstoff und Phosphor. „Daher gewinnt der Roggen dann an Bedeutung, wenn Flächen weniger stark gedüngt werden sollen“, sagt Dr. Andreas von Felde, Leiter Produktmanagement international bei KWS. Auch mit den ertragsschwächeren sandigen Böden und an trockenen Standorten Nordeuropas kommt er zurecht.

Vorteile durch den Anbau von Roggen aufbereitet in einer Infografik.

Für die positiven Auswirkungen von Roggen in der Schweinefütterung sind besondere Inhaltsstoffe des Korns verantwortlich, die in der klassischen Futteranalytik nicht erkannt werden. „Es sind bestimmte Kohlenhydrate, die keine Stärke im eigentlichen Sinn darstellen. Diese als Nicht-Stärke-Polysaccharide bezeichneten Substanzen – unter anderem Fructane – werden nur von der Darmflora abgebaut und schließlich vom Organismus genutzt. Roggen – und nicht Gerste oder Hafer – ist dadurch das ballaststoffreichste Getreide überhaupt“, erklärt Prof. Josef Kamphues, Direktor des Instituts für Tierernährung der Tierärztlichen Hochschule Hannover.

Die sogenannten Nicht-Stärke-Polysaccharide sind für die Magen-Darm-Flora eine besonders geeignete Grundlage zur Bildung von Buttersäure. Von dieser im Darm gebildeten Buttersäure erhoffen sich die Initiatoren des Projektes vielfältige gesundheitsfördernde Effekte bei Schweinen. Die Wissenschaftler verfolgen die Hypothese, dass erhöhte Buttersäurewerte zum Schutz vor Salmonellen beitragen und den Ebergeruch vermindern.

In dem bis zum Jahr 2021 laufenden Projekt übernehmen die Beteiligten spezifische Aufgaben:

  • Die KWS setzt – gemeinsam mit der Viehvermarktung Walsrode und dem Mischfutterhersteller Raiffeisen Mittelweser – die Versuche mit definierten Roggenqualitäten in die Praxis um.
  • Die richtige Futtermischung wird im Tierernährungsinstitut der Tierärztlichen Hochschule Hannover entwickelt.
  • Die Tierernährer an der Freien Universität Berlin prüfen unter anderem die Auswirkungen roggenreicher Mischfutter auf die Darmschleimhaut und auf Entzündungen.
  • Die Tierernährer der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn gehen bei den besonderen Kohlenhydraten ins Detail. Sie fragen zum Beispiel, welche der Roggeninhaltsstoffe überhaupt den Dickdarm erreichen oder welche ein Sättigungsgefühl bei tragenden Sauen erzeugen, wodurch diese ruhiger werden könnten.

* Das Projekt hat den Titel „Regionale Renaissance von Roggen und Raps zur Reduktion von Problemen in Pflanzenbau und Tierproduktion durch Reevaluation der Inhaltsstoffe und deren gezielte Nutzung zur Förderung des Umwelt-, Tier- und Verbraucherschutzes“.

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